Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

472 George Bárány in der Sowjetunion und selbst ein „Anti-Sowjet“ berichtete er doch, daß Albert Einstein zum Mitglied der All-Russischen Akademie der Wissen­schaften ernannt worden war, und fügte sarkastisch und nicht ohne Ver­legenheit hinzu, daß es für Einstein in Amerika schwierig sein könnte, Mitglied eines gesellschaftlichen Clubs mit Ausnahme eines jüdischen zu werden10). Schayer beschrieb sich selbst als „einen Amerikaner, der sich zur jüdi­schen Religion bekenne“. Bei dem Versuch, sich mit dem Jahrhunderte al­ten Problem: „sind Juden eine Rasse oder eine Religion?“ auseinander­zusetzen, meinte er, daß dies „eine weitere Frage zu sein scheint, die nie­mals befriedigend beantwortet werden wird“. Das schrieb er, als der Nord­deutsche Lloyd darauf bestand, emigrierende Juden hätten sich nicht als Deutsche, sondern als Hebräer zu klassifizieren. Es ist für ihn charakter­istisch, daß er im gleichen Artikel den Selbsthaß der Pariser Juden verur­teilte, die sich durch ihre jiddisch sprechenden Brüder in Verlegenheit gebracht fühltenu). Unbedingte Ablehnung jeglicher Art von Rassen­vorurteilen ermöglichte es ihm, die Schwächen seiner eigenen Glaubens­brüder anzukreiden. Vielleicht war es diese Fairness des Geistes, die ihn dazu anspornte, herauszufinden, ob seine Annahme, daß viele Wissenschaftler und fort­schrittliche Denker die „orthodoxe Auffassung von einem persönlichen Gott“ verwarfen, richtig sei und ob trotzdem zwischen „Menschen von weltweiter Bedeutung“ Einigkeit darüber erzielt werden könnte, daß (mit seinen Worten) „eine furchtbare Kraft existiert, nenne man sie Gott, Na­tur, Vorsehung oder was immer, die nicht nur die Welt regiert, sondern auch unmittelbaren Einfluß auf unsere individuellen Handlungen aus­übt“ 12). Soweit man aus den auf seine Umfrage eingegangenen Namenslisten, Originalbriefen und Übersetzungen von Antworten feststellen kann, muß Schayer versucht haben, mit fast 100 Naturforschern, Pädagogen, Geistes­wissenschaftlern und Juristen zwischen März und Dezember 1927 Kontakt durch ein persönliches Schreiben aufzunehmen, dessen Sinn dem noch er­haltenen Brief vom 20. August 1927 ähnlich, wenn nicht mit ihm identisch gewesen sein muß. Wie zu erwarten war, erhielt er nicht die erhofften Resultate, trotzdem bleiben seine Bemühungen unserer Aufmerksamkeit wert. Etwa ein Drittel (33) der Personen, an die die Umfrage gerichtet war, sehen des 20. Jahrhunderts können nicht durch Normen des 12. Jhdt. gelenkt werden“. (Über Rabbiner, die kein „beflecktes Geld“ für den Bau einer neuen Synagoge annehmen wollten, weil es mit Hilfe von jugendlichen Tanzgruppen gesammelt wurde.) ,0) Aufsätze in IJN 1927 März 17 und Mai 19. u) Ebenda, 1927 März 24. i2) Rundschreiben von 1927 August 20.

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