Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

Das Credo der Wissenschaft 471 schrieb viele Jahre lang wöchentlich erscheinende Artikel in den Jewish News für die Rocky Mountain States und in vielen anglo-jüdischen Zei­tungen an der Ostküste. Die verschiedenartige Aktivität Milton Schayers in den Zwanziger­jahren wie auch seine Artikel geben uns einige Anhaltspunkte über den Briefwechsel, den er 1927 begann. Er war ein engagierter Teilnehmer an informellen Diskussionen der „Literarischen Gruppe“, einer Vereinigung von Intellektuellen, von denen Dr. Abraham D. H. Kaplan, ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Professor an der Universität Denver, noch heute lebt. Die Umfrage, die sich an Personen richtete, deren Fähigkeiten wohl den Gang modernen Denkens hätten ändern können, wurde durch die Diskussionen der Literarischen Gruppe angeregt, in der auch „ein oder zwei Ärzte waren, die ein mechanistisches Weltbild po­stulierten ..Wir wissen davon durch eine Passage eines Rundschrei­bens Schayers vom 20. August 1927. Zuerst anscheinend unbedeutend weitete sich der zufällige Gesprächsgegenstand in dem Maße aus, daß „manche von uns nun fühlen, es müßte der Mühe wert sein, die Ansichten von Männern von weltweiter Bedeutung zu erfahren und zwar in einer Form, die für eine Veröffentlichung verwendet werden könnte.“ Diese plötzliche Erweiterung des Horizonts eines Gesprächs — man könnte sagen: in einem lokalen Mittagsclub — zu einer Vision, zu einer Art Charta oder Grundsatzerklärung moderner Meinungsbildner war für die Leser von Schayer’s Aufsätzen keine Überraschung. In ihnen erweist sich der Geschäftsmann aus Denver als feinfühliger Beobachter der zeit­genössischen Szenerie und als witziger Publizist, dessen scharfe Feder vor Streitschriften oder Polemiken nicht zurückschreckte. An der Erziehung der Jugend interessiert, war er beunruhigt, wie er es in seinem soeben erwähnten Brief ausdrückte, daß „sich sehr viele Studenten von allen religiösen Impulsen oder Prägungen entfernten“. Er schrieb „ihr unreifes Urteil einem scheinbaren Konflikt zwischen den Entdeckungen der Wis­senschaftler und den Ansprüchen religiöser Eiferer“ zu 7). Als tief religiöser Mensch achtete Schayer die Angehörigen anderer Bekenntnisse und beklagte im Geist der Ökumene die Kontroversen von Katholiken und Protestanten ebenso wie die Streitigkeiten der Juden untereinander8). Obwohl vom Judentum überzeugt und stolz auf seine jüdische Abstammung, war er doch nicht bigott; als die Warschauer Juden sich weigerten, den 250. Todestag Spinozas zu feiern, erinnerte er sie dar­an, daß sie sich damit weigerten, den Genius eines der größten Menschen anzuerkennen9). Wohl wissend um die Ausbreitung des Antisemitismus 7) Zitate aus Schayers Rundschreiben von 1927 August 20. Vgl. auch seinen Aufsatz in IJN 1927 Mai 26 und seinen Leitartikel von 1928 März 8 ebenda. 8) Aufsätze in IJN 1927 August 25 und September 8. 9) Ebenda, 1927 Mai 19, Vgl. seinen Aufsatz von 1927 September 8: „Men-

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