Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz
Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 451 direkt betroffen war, sodaß a priori eine Teilung Tirols wahrscheinlich war, jedoch auch die Erhaltung der Einheit Kärntens, da hier Jugoslawien durch die bevorzugte Behandlung Österreichs geschadet werden konnte. Tatsache ist, daß die Politiker und Experten in Paris mit vielerlei Maß gemessen haben, während Coolidge einem kleinen Aspekt ungeteilte Aufmerksamkeit widmen und daher zu möglicherweise richtigeren Auffassungen kommen konnte. Aber Richtigkeit ist ein sehr relativer Begriff und nur dann stichhaltig, wenn er in der Theorie von Memoranden in einem ausschließlichen Bezug steht. Gerade dieses Konzept der Theorie aber war bereits in Frage gestellt, als Coolidge seinen ersten Bericht über die Kärntner Angelegenheit nach Paris sandte. Coolidge selbst, der ursprünglich einfach objektiv hatte schildern wollen, hatte ein fait accompli geschaffen, das seine Mission von einer beobachtenden zu einer vermittelnden, d. h. zu einer konkret-politischen Mission machte. Sein Eingreifen in den Streit zwischen dem österreichischen und dem SHS- Staat war eine eklatante und wichtige Übertretung seiner Vollmachten, deren er sich völlig bewußt war, aber er hatte sich aus der Reserve seiner detachierten Objektivität immerhin bewußt werden können, daß sein auf letztlich doch subjektiven Dingen beruhendes Eingreifen Menschenleben retten könnte, wenn auch dadurch der Gang der Ereignisse möglicherweise integral verändert werden konnte. Er versuchte daher, in einem Bericht über sein Vorgehen das Argument des unnötigen Blutvergießens in den Mittelpunkt zu rücken: „In order to prevent a fresh outbreak of hostilities, Lieutenant Colonel Miles then proposed, subject to my approval, that he and Lieutenant King should visit the regions in dispute and draw a line which should be accepted temporarily by both parties“ es). Coolidge fuhr fort, daß er durchaus einsähe, wie weit er seine Kompetenzen überschritten hätte, doch „on the other hand, like Colonel Miles, I feel the urgency of what I am told may mean the saving of the lives of hundreds of people, and believe one should be willing to risk grave responsibilities in a case of this kind“ * 66). Aus diesem Grund hätte er die Erlaubnis gegeben, die Grenzgebiete zu bereisen, das Ergebnis müßte dann seiner Begutachtung unterzogen werden. „I request“ — schrieb er weiter — „that I may have telegraphic instructions as soon as possible as to whether the decision we have reached is to be given out“ 67). Schon am 15. Jänner 1919 war in Wien eine Telephondepesche der Kärntner Landesregierung eingetroffen, in der mitgeteilt wurde, daß die jugoslawische und kärntnerische Delegation zwecks Verhandlungen über es) Professor ... Coolidge to the Commission ..., Wien, 1919 Jänner 20: FR PPC 12, 498—499. 66) Ebenda 498. 87) Ebenda 499. 29*