Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

452 Georg E. Schmid die umstrittenen Gebiete in Graz ein treff en würden68); von Wien wurde Konsul Hoffinger als Vertreter des Staatsamtes des Äußeren zur Beob­achtung entsandt. Am folgenden Tage bereits war Wien, wahrscheinlich nach Rücksprache mit Coolidge, in der Lage, den Landesregierungen in Graz und Klagenfurt mitzuteilen, daß Oberst Miles am 17. Jänner in Graz eintreffen und an den Verhandlungen „mitwirken“ würde: „Diese Mit­wirkung“ — bemerkte Otto Bauer — „ist wärmstens zu begrüßen. Dem genannten Vertreter Miles ist jedes Entgegenkommen zu bekunden“ 69). Nachdem die Feindseligkeiten in den betroffenen Gebieten bereits am 14. Jänner, 8 Uhr vormittags, eingestellt worden waren70), konnten die Verhandlungen in Graz am 16. Jänner beginnen71). Otto Bauers Mit­teilung nach Graz und Klagenfurt zeigt deutlich, daß das geplante Eingreifen der Mission — und wäre es anfangs nur in Form einer Beobachtung geplant gewesen — Wien noch mehr als bisher zu der An­nahme verleiten konnte, Coolidge sei mächtiger als zunächst angenom­men. Bis Mitte Jänner war jener zwar bestrebt gewesen, diesen Eindruck nicht, zu erwecken, doch mußte bereits die bloße Entsendung Miles’ nach Graz die wahren Verhältnisse verschleiern. Wenngleich nach streng lega­len Gesichtspunkten Coolidge falsch gehandelt haben mag — Grenzstrei­tigkeiten mußten, wenn überhaupt in solcher Form, durch alliierte Kom­missionen, nicht jedoch durch rein amerikanische gelöst werden —, so ist doch auch erstaunlich, daß man eben dieses Faktum im Staatsamt des Äußeren nicht erkannt hat. Möglicherweise war man zu sehr befangen im Glauben an Wilson, den großen Schiedsrichter, um einsehen zu können, daß die USA nur eine der vier Hauptmächte der Konferenz waren. Zur Grazer Verhandlung waren als Vertreter der Kärntner Landes­regierung Dr. Jakob Baron Reinlein (Obmann der Verhandlungsgruppe), die Landesräte Neuzier und Schumy, die Landtagsabgeordneten Axmann, Dr. Pflanzl und Dr. Reinprecht, Oberstleutnant v. Metnitz, Oberstleut­nant Semanek und Fregattenkapitän Albert Peter-Pirkham, als Vertreter der SHS-Regierung u. a. Generalkommissar Vikar Smodej, Abgeord­neter Grafenauer und Major v. Andrej ka erschienen72). Hof fingers erste Depesche über den Ablauf der Verhandlungen war alles andere als ermutigend: Er teilte mit, daß es ganz so aussähe, als ob die Verhand­lungen an der Räumung Völkermarkts scheitern würden, da die Jugo­slawen diesen Vorschlag als indiskutabel zurückgewiesen hätten. Die 68) Telephondepesche des Präsidiums der Kärntner Landesregierung in Klagenfurt an das Staatsamt des Äußeren in Wien: HHStA NP A 800. 89) Telegramm Otto Bauers an die Landesregierungen in Graz und Klagen­furt sowie an Konsul Hoffinger: ebenda. 70) Mitteilung des Staatsamtes für Heereswesen an das Staatsamt des Äußeren vom selben Tag: ebenda. 71) Martin W u 11 e Die amerikanische Kommission 1919 in Carinthia I 125 (1935) 193. 72) Ebenda.

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