Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

450 Georg E. Schmid Ebene der Großen Vier abspielten. Als dann am 18. Feber 1919 im Zehner­rat die jugoslawischen Ansprüche diskutiert wurden, führte Sonnino sofort aus, Italien könnte keiner Diskussion über jugoslawische Angelegenhei­ten zustimmen, in die es selbst verwickelt sei, mit Ausnahme solcher, die im Führungsgremium geführt würden 61). Ein Einfluß der Berichte Coolidges, die zu diesem Zeitpunkt bereits in Paris eingetroffen sein mußten, kann allerdings nicht schlüssig nachge­wiesen werden. Grundsätzlich hieße es die Bedeutung Coolidges über­schätzen, wollte man die Ausrichtung der Ansichten Lansings und Wil­sons auf die Berichte von Wien in die Pariser Geschehnisse hineininter­pretieren; es wäre dies eine ebensolche Überschätzung, wie sie Coolidge 1919 in Wien zuteil wurde, daß ihn nämlich alle für einen großen Mann hielten, „on intimate terms with the President“62), wobei dahingestellt bleiben soll, ob dies nicht auch eine Überschätzung der Wichtigkeit Öster­reichs impliziert, denn, wäre diese nicht gegeben, müßte man keinen wich­tigen und einflußreichen Mann in Wien erwarten. Keiner der Berichte Coolidges spiegelt in jener Form die nationalen Sen timente in Deutsch­österreich wider, er referierte sie zwar, teilte sie jedoch nicht. Tatsächlich war ja der insbesondere in Österreich überbewertete Kärntner Grenzkampf nicht durch eine wie immer geartete „Auseinandersetzung zwischen dem slawischen und deutschen Volkstum“ entschieden worden, sondern durch eine kühl kalkulierende Politik in Paris: Historisch muß die Parallele Böhmen-Kärnten betont werden, da sich in beiden Fällen nationales Selbstbestimmungsprinzip und historische bzw. geographische Grenze gegenüberstanden, zudem waren in beiden Fällen zwei Hauptmächte unmittelbar interessiert (Frankreich und Italien). Im böhmischen Fall wurde die historische Grenze perpetuiert, was eine für Österreich ungün­stige Lösung bedeutete, im kärntnerischen Fall wurde ebenfalls nach historisch-geographischen Kriterien verfahren, die sich letztlich — aller­dings erst nach einem Plebiszit — zugunsten Österreichs auswirkten. Ähnliches zeigt eine vergleichende Betrachtung der Grenzziehungen in Kärnten und Südtirol. In beiden Fällen wurden Gebirgsketten als ent­scheidend angesetzt, da — nach Wilsons Worten — „the slope of the mountains not only threw the rivers in a certain direction but tended to throw the life of the people in the same direction“63). Wochen später bezog sich Lansing auf diese Entscheidung und stellte fest, daß man im kärntnerischen Falle nach denselben Kriterien verfahren müßte, wie sie im Falle Südtirols zum Tragen gekommen wären 64). Wesentlich ist aber in beiden Fällen, sowohl im Kärntner wie im Südtiroler, daß Italien 61) Vgl. die gesamte Sitzung: FR PPC 4, 45—55. ®2) Coolidge Life and Letters 201. 63) Sitzung des Viererrats 1919 April 19, vormittags: FR PPC 5, 85. 64) Sitzung des Außenministerrats 1919 Mai 10: ebenda 4, 699.

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