Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 449 die Erklärung der Gegenwart mit einer naturwissenschaftlich verstandenen Geschichtswissenschaft anstrebte, kurz „to do for human history what bio­logists are engaged in doing for the history of the forms of life“ 57). Ihre größte Bedeutung erlangte die Coolidge-Mission zweifellos durch ihr Eingreifen in die Kärntner Grenzstreitigkeiten58). Durch den Waffen­stillstand von November 1918 war keine Lösung der Grenzfrage zwischen den beiden betroffenen Staaten erfolgt, sodaß sowohl von den Südslawen als auch von Deutschösterreich Anspruch auf dasselbe Territorium erhoben wurde. Die Lage der Südslawen war im Vergleich zu jener der Tschecho-Slowaken eine unglückliche, da die Anerkennung letzterer be­reits vor vielen Monaten erfolgt war, während der sogenannte SHS-Staat um Anerkennung, Staatsform und -Struktur sowie Besitzstand länger ringen mußte. Die eigentlichen politischen Forderungen nach außen hin, Dritten gegenüber, wurden immer noch ganz wesentlich von serbischen Politikern getragen, was oft genug zu Reibereien zwischen Slowe­nen, Kroaten und Serben führte. Diese Lage ermöglicht eine Erklärung, warum die Südslawen bereits früh bestrebt waren, insbesondere in Kärnten ein fait accompli zu setzen. Militärische Okkupation sollte, zu­mal sie doch wesentlich im Einklang mit ethnischen Verhältnissen statt­fand, ein Präjudiz schaffen; innere Spannungen wurden überlagert und teils korrigiert durch Aktivität nach außen. Die mit wechselndem Erfolg geführten Kämpfe setzten sich auch im Jänner 1919 fort59), als in Paris amerikanische Experten einen Territorialbericht vorlegten, demzufolge die Grenzlinie streng nach nationalen Gesichtspunkten nördlich des Gebirgskammes verlaufen sollte60). Allem Anschein nach drang die Kenntnis über diesen Vorschlag weder nach Wien noch nach Belgrad. Es mußte aber bald klar werden, daß keine Frage, die eine der Haupt­mächte der Konferenz unmittelbar betraf, durch Entscheidungen oder auch nur Kommissionsarbeiten geprägt werden konnte, die sich unter der w) Frederick J. Teggart Theory and Processes of History (Berkeley, Los Angeles 1962) 223. — Theory of History und The Processes of History waren ursprünglich gesondert erschienen. 58) Seit neuestem liegt ein Buch vor, das unter Verwendung von US-Ar- chivmaterial die US-Politik gegenüber Kärnten darlegt und dadurch auch die Coolidge-Mission behandelt: Claudia Kromer Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Frage Kärnten 1918—1920 (Klagenfurt 1970) passim und 45—99. Da die Coolidge-Mission in diesem Buch nicht ausschließlich behandelt wird, werden im vorliegenden Aufsatz im folgenden noch einige zusätzliche As­pekte der Frage Coolidge-Mission und Kärnten, namentlich unter Heranziehung von Materialien aus dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, dargestellt. 59) H. W. V. T e m p e r 1 e y (Hg.) A History of the Peace Conference of Paris (6 Bde, London 1920—1924) 4, 124—125; Nina Almond und Ralph H. Lutz (Hg.) The Treaty of St. Germain (Stanford 1935) 195—196; Sarah Wambaugh Plebiscites Since the World War (2 Bde, Washington, D. C. 1933) 1, 171—172. Vgl. auch Kromer Frage Kärnten 41 ff. 60) Al mond-Lutz St. Germain 196; Wambaugh Plebiscites 1, 171. Mitteilungen, Band 24 29

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