Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz
448 Georg E. Schmid nach Wien sandte54). Einmal klagte er darüber, daß er nicht einmal in der Lage wäre, mit den in derselben Gegend tätigen alliierten Offizieren richtig und befriedigend zu verkehren, da sein Rang zu niedrig wäre 55). Für Coolidges Arbeitsweise sind allgemein einige programmatische Bemerkungen von Bedeutung, die er seinem ersten Bericht, der übrigens im wesentlichen der Süd tirolfrage gewidmet war, voranstellte 56). Coolid- ge wies vor allem darauf hin, daß er bestrebt sein würde, in Zukunft in seinen Berichten keine Wertungen vorzunehmen und die Fakten sprechen zu lassen. Er würde den „Austrian point of view“ ohne eigene Kommentare bringen. Später erwies sich freilich, daß der Professor — ob wissentlich oder unwissentlich kann nicht mit Sicherheit entschieden werden — diesem Prinzip, das er zu Anfang seiner Mission postuliert hatte, untreu wurde. Ebenso unsicher ist, ob man in Paris annahm, es handle sich nach, wie vor um den österreichischen Standpunkt. Nicht zuletzt weil Coolidge Historiker war, wird man fragen müssen, ob den komplexen Realitäten des Jahres 1919 in einer Darstellung entsprochen werden konnte, die als scheinbare Basis das Ideal der völlig detachierten Unvoreingenommenheit den objektiv feststehenden Fakten gegenüber aufwies. Insbesondere Coolidges Berichterstattung über die Kärntner Affäre, von der unten noch die Rede sein wird, läßt diese beabsichtigte Objektivität als fragwürdig insofern erscheinen, als sie wohl angestrebt, jedoch nicht völlig erreicht wurde. Gerade dadurch konnte aber eine gewisse Verzerrung der Perspektiven auf treten, weil unter dem Deckmantel der Objektivität letzten Endes doch subjektive Vorstellungen einflossen. Die gerade damals in den USA sehr starke Bewegung in der Geschichtswissenschaft, die man pauschal unter dem Titel „Pragmatic Revolt“ zusammenfassen kann, würde es plausibel erscheinen lassen, daß auch der Historiker Coolidge jenes Ideal anstrebte, das 54) Über die King-Berichte vgl. Jerome J a r e b (Hg.) Documents. LeRoy King’s Reports from Croatia, March to May 1919 in Journal of Croatian Studies 1 (1960) 75—168. King sandte insgesamt 31 Berichte an Coolidge in Wien. Hievon wurden 27 von Jareb publiziert, Nr. 6, 13, 14 und 30 konnten nicht aufgefunden werden. Nur vier dieser 27 Berichte Kings wurden in der offiziellen US-Dokumentenpublikation publiziert. Ein ähnliches Mißverhältnis läßt sich für die Berichte von Coolidge selbst annehmen. 55) Bericht Kings an Coolidge (Nr. 10), 1919 März 19; vgl. Jareb King’s Reports 129. 86) Professor ... Coolidge to the Commission ..., Wien, 1919 Jänner 9: FR PPC 2, 225. Zu diesem Zeitpunkt war die Coolidge-Mission praktisch bereits komplett. Vgl. Coolidge Life and Letters 197—198, wo die Namen der Mitarbeiter angegeben sind. Es handelte sich um Professor P. M. Brown, W. A. Bundy, Lieutenant H. G. Campagnoli, Captain W. Davis, Captain F. Dellschaft, Lieutenant R. C. Foster, Lieutenant P. Goodwin, Captain J. Karmazin, Professor R. J. Kerner, Lieutenant F. R. King, Lieutenant LeRoy King, Major Lawrence Martin, Lt. Colonel S. Miles, Lieutenant W. M. Osborn, F. E. Parker, Captain W. A. Pashkowski, Captain Nicholas Roosevelt, C. M. Storey.