Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz
Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 447 der Konsularbüros an — „for reasons of economy and efficiency“ —, indem er auf das britische Beispiel verwies 51). Nachdem Lansing die Benützung der Konsulareinrichtungen gestattete, ist die Frage zu stellen, ob nicht dadurch doch in der österreichischen Öffentlichkeit ein falscher Eindruck entstehen konnte. Auf jeden Fall zeigte sich sehr bald, daß man österreichischerseits von der US-Mission Aktionen verlangte, die mit deren Zielsetzung nicht zur Deckung kamen. Ebenfalls gleich zu Anfang des Aufenthalts der Mission in Wien richtete Coolidge an das Staatsamt des Äußeren das Ersuchen, dauernd über die Geschehnisse am Laufenden gehalten zu werden52). Wenn auch Coolidge als Wissenschaftler wahrscheinlich kritisch genug war, um die propagandistische Spreu vom Weizen der Tatsachen zu scheiden, ergab sich aus diesen Informationen mit ziemlicher Sicherheit eine Beeinflussung Coolidges in pro-österreichischem Sinne schon einfach durch die Quantität des ihm zugeleiteten Materials. Als Ausgleich dienten allerdings die Berichte von Coolidges Mitarbeitern, die von Wien aus weiterreisten und ihm regelmäßig Informationen zugehen ließen 52a). Privat nahm Coolidge Kontakte wieder auf, die er noch vor dem Krieg eingegangen war, wie etwa aus Josef Redlichs Tagebuch hervorgeht: „Gestern um 11 Uhr kam ohne vorherige Anmeldung Professor Coolidge zu mir, umarmte mich in großer Freundschaft und Rührung, und ich hatte große Freude mit ihm. Er sagte, ich sei der erste, zu dem er auf Besuch käme, bisher habe er nur die ,officials' gesehen. Er bat mich um meine Freundschaft und Hilfe, vor allem sollte ich die vielen Briefe durchsehen, die er empfangen hat und ihm raten, was er antworten soll... Sein heutiger Besuch sei rein ,preliminary', über alles wichtige werden wir später reden ... Ich stellte mich herzlich zur Verfügung ...“ 53). Obgleich auch hier wieder eine gewisse pro-österreichische Beeinflussung in Rechnung gestellt werden muß, hatte es Coolidge fraglos leichter, Informationen zusammeln, als manche seiner Mitarbeiter, wie etwa das Beispiel des Leutnants LeRoy King zeigt, der sich dann in Kroatien aufhielt, von wo er regelmäßig umfangreiche und aufschlußreiche Berichte * * 51) Die Übermittlung des Schreibens Coolidges, das dieses Ersuchen enthält, wurde durch das deutschösterreichische Staatsamt des Äußeren durchgeführt: For Honorable Robert Lansing, Hotel Crillon, Paris: HHStA NP A 365. *2) Eine 1919 Jänner 13 datierte pro domo-Notiz des Staatsamts des Äußeren beinhaltet das Ersuchen Coolidges, über die Vorfälle in den Grenzbezirken, wirtschaftliche Fragen und die Entwicklung im Inneren in Form von kurzen Notizen auf dem Laufenden gehalten zu werden: ebenda. 52a) Das Hauptquartier der Coolidge-Mission verblieb in Wien. Warschau war mit Foster, zeitweilig auch mit Pashkowski besetzt; Prag mit Kerner (nicht ständig), Karmazin und F. R. King; Budapest mit Goodwin und Storey, später mit Prof. Brown und Roosevelt; Agram mit Miles (nicht ständig) und LeRoy King. Der Geograph Lawrence Martin reiste die meiste Zeit und war an keinen festen Ort gebunden. 53) Tagebucheintragung von 1919 Jänner 13: Tagebuch Redlichs 2, 329.