Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik

Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik 195 1910 hatte bereits Graf Latour im Herrenhaus die Angelegenheit der dalmatinischen Eisenbahnen zur Sprache gebracht; die Regierung lehnte die Anrufung eines Schiedsgerichtes ab, da diese Möglichkeit nur bei eigentlichen Ausgleichsbestimmungen bestanden hätte. Bei den schriftli­chen und mündlichen Kontakten zwischen den zuständigen Ressortmini­stern wurde lange Zeit strikte an dem Konnex zwischen dem Bau der dalmatinischen Verbindungslinie und der baulichen Ausgestaltung der Kaschau-Oderberger Bahn festgehalten, weil nur dieses diplomatische Kampfmittel — abgesehen von der recht fragwürdigen Eröffnung eines Tarifkampfes — der österreichischen Eisenbahnverwaltung zur Verfügung stand 45). Eine Zeitlang wurde von ungarischer Seite das bereits an ande­rer Stelle erwähnte Unatalbahnprojekt gegenüber dem vorgesehenen Likabahnprojekt favorisiert; wieweit dabei eine bewußte Verzögerungs­taktik im Spiele gewesen war, läßt sich natürlich nicht abschätzen. Sicher­lich wirkte sich auch in der Eisenbahnfrage die allgemeine Verschlech­terung der politischen Situation aus. Ein sehr energisches Schreiben des Ministerpräsidenten Bienerth an seinen ungarischen Amtskollegen vom 23. November 1910 führte zu keiner Beschleunigung in der Bereinigung dieser Angelegenheit. Die darauf erfolgte Antwort befriedigte den öster­reichischen Ministerrat keineswegs, da von Ungarn nicht einmal Vorar­beiten für den Bahnbau eingeleitet worden waren. Das staatsrechtliche Departement im Ministerratspräsidium befürchtete, daß Österreich infolge Verschleppung dieser Angelegenheit bei neuerlichen Ausgleichsverhand­lungen (1916/17) diese Bahn nochmals bezahlen werde 46). Ungarn wieder warf Österreich vor, daß es seine vertraglichen Verpflichtungen ebenfalls nicht erfüllt habe. Tatsächlich war es bei der Verbindungslinie zwischen Krain und Kroatien zu unliebsamen Verzögerungen gekommen, da wegen vieler Interventionen die Trasse mehrfach geändert werden mußte. Sowohl in Dalmatien als auch in Krain waren alle Vorarbeiten österreichischer- seits im Frühjahr 1910 abgeschlossen. Während mit den Bauarbeiten an der Strecke von Rudolfswerth nach Mottling bereits im Jahre 1910 begon­nen wurde, wodurch man an und für sich ein größeres Wirtschaftsgebiet erschloß, wurde der Baubeginn an der dalmatinischen Teilstrecke bis zum Zeitpunkt einer Sicherstellung der Fortsetzungslinie nach Kroatien auf­geschoben. Die dalmatinische Eisenbahnfrage wurde durch eine Koppelung mit Agrarproblemen noch verworrener. Am 29. Juli 1911 wurden nämlich von Ungarn gegenüber den österreichischen Wünschen nach einer Ver­mehrung der Fleischeinfuhr (Teuerungswelle in Wien!) verkehrspolitische Kompensationsforderungen erhoben, und zwar einerseits der Annaberger Anschluß (eine unabhängige Eisenbahnverbindung mit Deutschland, eine «) VA EM ZI. 50704/1912. «) ZI. 128/1911 in VA EM Präs. ZI. 235/1911. 13*

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