Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik

196 Paul Meditier unerläßliche Voraussetzung für eine eventuell beabsichtigte wirtschaftliche Trennung von Österreich) und andererseits ein durchgehender Ausbau des 2. Geleises der Kaschau-Oderberger Bahn. Die streng vertraulich ge­führten Verhandlungen gerieten in eine Sackgasse und sind nach einer längeren Unterbrechung erst unter dem Ministerpräsidenten Stürghk im November 1911 neu aufgenommen worden 47). In einer Ministerkonferenz am 30. Dezember 1911 beim Ackerbauminister Braf wurde ein Junktim zwischen allen Agrarfragen (Handelsvertrag mit Serbien und Fleischein­fuhr aus Argentinien) und den Verkehrsproblemen beschlossen. Die Ver­handlungen sollten zwar getrennt geführt werden, aber die Ratifizierung der in beiden Richtungen erzielten Vereinbarungen hätte gleichzeitig erfolgen sollen. Bei den Verkehrsfragen konnte auf Grundlage einer Beamtenbesprechung (4. und 5. Jänner 1912 in Budapest) am 9. Mai 1912 in Wien eine vollkommene Einigung erzielt werden48). Der Artikel 1 sah den Baubeginn der Linien Mottling—Karolyvaros und Ogulin—Pri- budic für das Jahr 1912 vor; die erstgenannte Strecke sollte bereits 1913 vollendet sein, während die Eröffnung der Linie nach Dalmatien wegen der besonderen Erschwernisse im wasserarmen Karstgelände erst für Oktober 1918 vorgesehen war. Im einzelnen waren alle Bauphasen bei diesen Strecken mit entsprechenden Arbeiten bei der Kaschau-Oder­berger Bahn gekoppelt — ein deutliches Zeichen für das gegenseitige Miß­trauen! Es hat jedoch den Anschein, daß sich im Laufe der Zeit eine all­mähliche Erweichung der Fronten anbahnte, denn der Ausbau der Kaschau-Oderberger Bahn brachte auch Österreich gewisse Vorteile (es sprachen deswegen Parlamentarier beim Ministerpräsidenten vor); ande­rerseits war eine Eisenbahnverbindung über Ogulin auch für die unga­rische Volkswirtschaft von großem Nutzen. Ein Antrag des Eisenbahn­ministers Forster, das Junktim zwischen Agrar- und Eisenbahnfragen wenigstens zu lockern, fand jedoch nicht die Zustimmung des österreichi­schen Ministerrates. Bezüglich der Agrarfragen ging das Tauziehen zwi­schen Österreich und Ungarn weiter, sodaß der Eisenbahnbau blockiert wurde. Erst am 20. März 1913 ist eine protokollarische Vereinbarung zwischen den beiden Ministerpräsidenten über die Finalisierung des Eisen­bahnübereinkommens vom 9. Mai 1912 und die Erhöhung der Viehkontin­gente auf jährlich 35.000 Rinder und 80.000 Schweine bei Handelsvertrags­verhandlungen mit Serbien abgeschlossen worden. Das Eisenbahnüberein­kommen wurde von Österreich mit 5. April, von Ungarn mit 14. Mai 1913 rechtsgültig von den Ressortministern ratifiziert49). Die Bauarbeiten sind nach den jahrelangen Verhandlungen in einem recht flüssigen Tempo aufgenommen worden, sodaß die vereinbarten 47) ZI. 5827/MP/ in VA EM Präs. ZI. 2353/1911. 48) VA Urk. Sammlung des EM NR. 7666. 4») VA EM Präs. ZI. 575/1913 lb. ZI. 2237/1911.

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