Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)
MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik
Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik 191 liegenden Gründen (Agrarpolitik!) den Widerstand Ungarns gegen diesen Bahnbau noch weiter versteift. In den folgenden Noten an den Ministerpräsidenten Beck legte Aehrenthal mehr Gewicht auf eine Eisenbahnverbindung zwischen Süddalmatien und Montenegro, um wieder der wirtschaftlichen Expansion Italiens in diesem Raum besser entgegentreten zu können. Am 10. Juli 1907 fand im Außenministerium eine Ministerkonferenz statt, in welcher alle verkehrspolitischen Projekte auf der Balkanhalbinsel einer eingehenden Beratung unterzogen wurden. Die Sandschak- bahn fand allgemeine Billigung, während sich hinsichtlich der Verbindungslinie zwischen Bosnien und Dalmatien die beiden Ministerpräsidenten Beck und Weckerle der Auffassung des Reichsfinanzministers Burian anschlossen, daß im Falle der Nichtinanspruchnahme der bosnischen Finanzen beide Regierungen freie Hand für die in ihrem eigenen Interesse liegenden Bahnbauten gewinnen würden32 33). (Über die praktische Anwendung herrschten jedoch später selbst zwischen den österreichischen Ministern gewisse Meinungsverschiedenheiten.) Burian hat wohl als einziger Teilnehmer die technischen Schwierigkeiten der Linie Bugojno— Arzano richtig eingeschätzt und trat für den Bau eines neuen Hafens in der Nähe von Metkovic ein. Nur die österreichische Regierung wurde vom dritten Projekt betroffen, das die Anlage einer Bahn von den Bocche di Cattaro bis an die Grenze von Dalmatien mit einer Weiterführung auf montenegrinischem Gebiet vorsah. Bezüglich der Fortsetzung auf ausländischem Gebiet hatten Beck und Aehrenthal verschiedene Ansichten: die österreichische Regierung sah die Verbindung von Antivari nach Skuta- ri als nicht zweckmäßig an und trat für eine Linie von San Giovanni di Medua nach Skutari ein. Bereits früher hatte das Eisenbahnministerium eine ziemlich skeptische Haltung gegenüber Eisenbahnprojekten des Außenministeriums eingenommen. Bemerkenswerterweise trat Aehrenthal an das Eisenbahnministerium am 7. Dezember 1907 mit dem Vorschlag heran, Untersuchungen anzustellen, ob die Möglichkeit bestünde, auf der bereits im Bau befindlichen Landstraße von Cattaro nach Sutomore zusätzlich noch einen Unterbau für eine „Straßenbahn“ vorzusehen. Nach seiner persönlichen Ansicht hätte bei entsprechenden technischen Vorbereitungsarbeiten „in ganz unauffälliger Weise(?) ein großer und zudem der kostspieligste Teil des in Rede stehenden Bahnprojektes zur Durchführung kommen können“83). Selbstverständlich ergaben die Erhebungen des Eisenbahnministeriums ein negatives Resultat, da bei Straßenbauten viel größere Steigungen zur Anwendung gelangen können. Am 9. März 1908 zog Aehrenthal seinen Vorschlag bezüglich einer „Schmalspur-Straßenbahn“ durch Süddalmatien infolge des günstigen Echos seiner „Sand- schakbahn“ in der Öffentlichkeit zurück; aber er hielt als Fernziel an der 32) Abschrift in VA EM Pr. ZI. 1329/1907. 33) ZI. 92690/I/H. P. in VA EM Pr. ZI. 2778/1907.