Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik

192 Paul Mechtler Ausführung dieser Küstenbahn mit der Modifikation fest, daß diese Linie als Teilstrecke einer bedeutenden internationalen Verbindung in Normal­spur trassiert werden sollte34). Diese Schwenkung war bereits am 26. Februar bei einer Referentenbesprechung im Eisenbahnministerium zu erkennen gewesen. Damit wäre ein Umbau der Süddalmatinischen Staats­bahn und einiger bosnischer Strecken auf Normalspur verbunden gewe­sen, wofür bereits technische Studien Vorlagen 36). Für den Norden von Dalmatien sind wieder in den Jahren 1900 und 1910 zwei Projekte entwickelt worden, welche die Ausführung eines Trajektverkehrs mit Istrien vorgesehen hätten. Die Studien hiefür wur­den wegen verschiedener Schwierigkeiten schon im Anfangsstadium abge­brochen, obwohl damals bereits gute Erfahrungen mit diesem System in Skandinavien gesammelt worden waren. Es ist eigentlich unverständlich, daß man die theoretische Möglichkeit eines Trajektverkehrs in der Ver­bindung mit Dalmatien bei den Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn nicht in die Waage werfen wollte 36). Bezüglich einer Verbindungsbahn von Dalmatien nach Kroatien hatten sich unmittelbar vor Beginn der Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn neue Aspekte ergeben, weil zeitweilig eine enge Allianz zwischen den Kroaten und Magyaren gegenüber Österreich bestanden hatte. Als Folge der Resolution von Fiume vom Oktober 1905 wurden die Bestrebungen für eine politische Angliederung von Dalmatien an Kroatien immer stärker. Der Statthalter von Dalmatien, Nardelli, stellte in einem Bericht an das Innenministerium fest, daß mit wenigen Ausnahmen in allen Presseorga­nen die Schuld an den unbefriedigenden Eisenbahnverhältnissen aus­schließlich der Wiener Regierung zugeschoben werde und daß sein Einfluß auf die Tagespresse im Schwinden sei37). Mit sichtbarer Wonne wurden in den dalmatinischen Blättern Artikel von Wiener und Grazer Zeitungen zitiert, in denen gegen die Verwendung von Steuergeldern für eine Provinz, deren staatsrechtliche Stellung bereits zweifelhaft erschien, Ein­wendungen erhoben wurden. Das Kabinett Beck ließ im Sommer 1907 ein umfangreiches Programm für die kulturelle und wirtschaftliche Hebung Dalmatiens erstellen, das allerdings kaum mehr die jahrzehntelange Vernachlässigung dieses Lan­des durch die Wiener Zentralstellen wettmachen konnte. In diesem war unter anderem auch die Ausführung der Eisenbahnlinien Zara—Knin und * 3 34) ZI. 15755/I/H. P. in VA EM Pr. ZI. 467/1908. 3«) VA EM Pr. ZI. 384/1908. 3°) VA EM Pr. ZI. 1886/1910. Die Abendausgabe der Neuen Freien Presse vom 4. Oktober 1910 brachte einen recht optimistisch gefärbten Bericht über diese Angelegenheit. In einem in Gründung befindlichen Syndikat war unter anderem die bekannte Schiffswerft Schichau in Elbing vertreten, welche bereits verschiedene Eisenbahnfährschiffe gebaut hatte. 37) VA EM Pr. ZI. 678/1907: Bericht vom 19. III. 1907 an den Minister­präsidenten.

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