Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

ZAUNER, Alois: Die Pfarrarchive Oberösterreichs

Rezensionen 499 gesellschaftlichen Gruppen für die Prägung der Wirtschaft verantwortlich waren und auf welchen Wertvorstellungen die Wirtschaftspolitik fußte“ (S. 12), zum Ziel setzt, das er freilich nicht ganz erreicht. Denn um „damit eine wichtige Vorarbeit für eine Wirtschafts- und Sozialgeschichte Öster­reichs“ zu leisten, wird, obzwar es in der Einleitung verheißen ist, nicht nachgeforscht, sondern nur nacherzählt. Wäre es weniger mit der linken Hand geschrieben, könnte es gewiß mehr als ein Behelf für Neophyten sein: So aber wird statt gedeutet nur gelehrt und Altbekanntes kommen­tiert. Der Verfasser beginnt mit der Begründung der österreichischen Wirt­schaftspolitik durch den Kameralismus im 18. Jahrhundert und der Ent­stehung des Wirtschaftsliberalismus, um dann zur Darstellung der gebun­denen Wirtschaftsordnung zwischen 1879 und 1888 überzugehen und die letzten Jahre der Habsburgermonarchie sowie die wirtschaftspolitischen Leitlinien der Ersten Republik zu schildern. Mit den diesbezüglichen Bemühungen des Ständestaates schließt der Verfasser. Er findet sie ebenso unbefriedigend wie ihre Vorläuferin, die Kommunalpolitik des Wiener Sozialismus, obwohl hier Ansätze einer wirtschaftlichen Konzeption zuge­geben werden: Aber sie „erschöpfte sich in spektakulären Maßnahmen der Sozial- und Finanzpolitik“ (S. 118). Für diese wenig positiven Resultate der Wirtschaftspolitik Österreichs werden die sie bestimmenden Faktoren — eine undynamische Beamtenschaft, die führenden Finanzfachleute und die Gruppenpolitik der Interessenverbände, deren Organe „fast den Cha­rakter von Behörden besitzen“ (S. 136, 139) — verantwortlich gemacht, doch hält Brusatti aus sozialgeschichtlichen Gründen den gegenwärtigen Zeitpunkt „zu einer Weichenstellung“ für äußerst günstig: „Die beharren­den Kräfte der Wirtschaftspolitik haben ihre überragende Stellung ein­gebüßt bzw. sind bereit, sich höheren Prinzipien unterzuordnen; damit haben derzeit dynamische Kräfte eine nicht mehr so rasch wiederkehrende Möglichkeit, die Wirtschaftspolitik nach ihren Prinzipien zu ordnen“ (S. 139 f.) Diesen leider unbewiesenen, weil unbeweisbaren Feststellungen mit ihrer vagen und täglich vager werdenden Prognose — ein Historiker sollte sich nicht in Prophetien versuchen! — folgt der nützlichste Teil der Arbeit: eine Zusammenstellung österreichischer Gesetze zur Wirtschafts­geschichte von 1568 bis 1938. Was diesem Werk fehlt, mangelt auch dem folgenden. Der Verfasser nennt im Vorwort seiner „Wirtschafts- und Sozialgeschichte des industri­ellen Zeitalters“ erst als „die dritte Aufgabe dieses Buches... die eigent­liche Ursache, daß es geschrieben wurde: Es ist eine Bearbeitung der Vor­lesungen über das im Titel angeführte Thema ... Daher ist das Buch we­sentlich ,ad usum scholarum1 geschrieben“ (Seite 15). Und das ist wohl sein wesentliches und, um es vorwegzunehmen, sein sehr geglücktes Anliegen, das eine Lücke füllt und zugleich, wie der Verfasser hofft, eine „anre­gende Lektüre“ ist. Die beiden ersten Aufgaben, die Deutung der industri­ellen Revolution mit ihren technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sowie deren sozialen und politischen Folgen als Ergebnis eines seit dem 13. Jahrhundert spürbaren Wandels der geistigen Haltung und der Nach­weis, daß das industrielle Zeitalter für die Menschheit etwas Neues ist, weshalb die Arbeit bei der geistigen Bewältigung der letzten 180 Jahre 32*

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