Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

ZAUNER, Alois: Die Pfarrarchive Oberösterreichs

500 Literaturberichte mithelfen möchte, „indem sie vom Aspekt der Wirtschafts- und Sozial­geschichte her leidenschaftslos dargestellt werden“, sind teils zu pessimi­stisch, teils zu optimistisch gestellt: zu pessimistisch, weil sie vorauszusetzen scheinen, es wisse noch niemand, daß „die Ursache der dynamischen Ent­wicklung Europas seit dem Beginn der Neuzeit“ in einem veränderten Weltbild und in den Umwälzungen des Wirtschaftslebens zu suchen ist, und zu optimistisch, weil sie meinen, das vorliegende Buch werde zur Pflichtlektüre der Wirtschafts- und Sozialhistoriker werden. Es ist nun sicher, daß ein brauchbarer Überblick über sämtliche hier angeschnittenen Probleme fehlt, seit der englische Sozialreformer Arnold Toynbee, (der Onkel des Kulturphilosophen Arnold Joseph Toynbee), das Wort von der „industriellen Revolution“ fand, die natürlich vom Tag der ersten Ziege­leien und Papyrosfabriken sowie der ersten auf den Markt gekommenen Tongefäße und Gläser an eine Revolution in Permanenz war. Die an­spruchsvolle Behauptung, daß hier „ein erstmaliger Versuch, die gesamte soziale und wirtschaftliche Entwicklung vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur unmittelbaren Gegenwart“ darzustellen, vorliege, wird allerdings schon im nächsten Satz eingeschränkt: „Das umfassende Thema kann nicht die gesamte Entwicklung in ihren Einzelheiten bringen ... Dem Stil des Buches angemessen, wurde auf Fußnoten verzichtet.“ Und damit wird das Vor­haben auf das, was es ist, reduziert, auf einen Lehr- und Lernbehelf, der die Früchte ausgewählter Literatur bietet und (bedauerlicherweise!) auf einen Unterbau durch gerade in Wiener Archiven sehr reichlich fließende Quellen zur Wirtschaftsgeschichte verzichetet. Obwohl der Autor gewiß kein Philosoph ist, reiht er zunächst willkürlich Persönlichkeiten anein­ander, die als Bahnbrecher des Individualismus gelten, „ohne daß damit wirklich der jeweils beste Vertreter seiner Art ausgesucht sein soll“ (S. 20), was ebenso wenig einleuchtet wie die dargebotene Reihenfolge (Erasmus, Machiavelli, Calvin, Thomas von Aquin). Der für das Thema wichtigste unter ihnen, Calvin, wird gleich sonstigen da und dort Dazu­gehörigen gerade gestreift, aber sofort verlassen, sobald er ergiebig zu werden droht (vgl. die ältere Studie von R. H. Tawney, Religion und Frühkapitalismus, deutsch 1946). Auch wird betont, daß am Ende des Mittelalters der Katholizismus die gesellschaftlichen Ordnungen als Rah­men wirtschaftlicher Tätigkeit vorschrieb, es werden Jacques Coeur (f 1456!), die Medici, die Fugger erwähnt, und es erhebt sich die Frage, wer anders als der Katholizismus damals bestimmend hätte wirken können (S. 52). Auf diese Weise begleitet der Sinn für das Selbstverständliche den Leser durch den Frühkapitalismus, die industrielle Revolution und das Zeitalter des Hochliberalismus zu Imperialismus und Nationalismus, in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und bis zum Ende des Zweiten. Die gesell­schaftliche und wirtschaftliche Entwicklung von 1948 bis zur Gegenwart wird dann auf den letzten fünfzig Seiten abgetan und als Quintessenz betont, daß die Welt von heute das Ergebnis der Geschichte und anders als die von gestern ist (S. 297). Daneben finden sich kleinere Flüchtigkeiten und Inkonsequenzen: Z. B. fehlt S. 275 bei der Befragung der französischen Kriegsgefangenen die Vergleichszahl, S. 300 ff. wird abwechselnd erzählt, daß der „Traum vom Weltstaat“ unmittelbar nach dem Krieg vorbei

Next

/
Oldalképek
Tartalom