Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)
VAGO, Bela: Österreichische konsularische Interventionen in der Walachei und der Moldau gegen antijüdische Ausschreitungen (1801–1803)
Österreichische konsularische Interventionen in der Walachei 451 Das in mehreren Auflagen und in verschiedenen Sprachen erschienene Büchlein blieb über ein Jahrhundert lang eine der wichtigsten Quellen der Ritualmord-Literatur 13). Sogar noch im Jahre 1922 erschien in Bukarest eine Ausgabe des Pamphlets im Verlag der antisemitischen Bewegung Professor Cuza’s 14). Über Neophit selbst und über die aufwiegelnden Folgen seiner Schrift steht uns nur eine ärmliche Literatur zur Verfügung 15). Auch auf diesem Gebiete liefern die österreichischen Konsularmeldungen ein wertvolles ergänzendes Material. Timoni, der Jassyer Konsul, allen Anzeichen nach ein gebildeter und von den Ideen der Aufklärung durchdrungener Mensch, griff aktiv in die Neophit-Affaire ein. Kurz nach Erscheinen des Neophit-Pamphlets wandte er sich, der Bitte der österreichisch-jüdischen Untertanen entsprechend, an den Fürsten Alexandru Moruzi16). Zweck des Schreibens war, so betont Timoni, den Fürsten darauf aufmerksam zu machen, daß anläßlich der Osterfeiertage ein judenfeindlicher Volksauflauf zu erwarten sei17). Er berichtet auch darüber, daß Neophit an zwei Neamtzer Mönche Briefe gerichtet hatte, worin er Bemerkungen machte, aus denen zu entnehmen war, daß er auf Wiederholung des Bukarester Pogroms von 1801 in Jassy hoffe, als Folge seiner „Entlarvungen.“ Der Konsul ersuchte den Fürsten, die Authentizität der Briefe festzustellen und alle möglichen Maßnahmen anzuwenden, um das Pogrom zu verhindern. Die Schrift schließt mit einer verhüllten Warnung, daß eventuelle Unruhen jene österreichischen Untertanen schädigen könnten, die Millionen Piaster in Waren in der Moldau umsetzten, und daß im Falle von Plünderungen die Wiener Regierung in deren Interesse Schadenersatz fordern könnte. Am 5. April verfaßte Timoni einen ausführlichen Bericht über die Ereignisse, in dem er mit auffallender Klarheit über die dummen und falschen Beschuldigungen der Schmähschrift urteilt18 *). In seiner Einlei13) Im Auslande erschien das Pamphlet zum ersten Male in Konstantinopel im Jahre 1834 in griechischer Sprache, in der Druckerei des Patriarchates. Von den fremdsprachigen Ausgaben wird am meisten die in Prato 1883 erschienene Version zitiert (II Sangue Cristiano nei riti ebraici della moderna sinagoga. Rivelazioni di Neofito ex Rabbino monaco greco). 14) Infruntarea Jidovilor de Calugarul Neofit (Vanva) ..., Biblioteca lui Iuda, No. 1., Bucuresti 1922. 15) Siehe Halevy, op. cit. — Kurze Mitteilung von M. SchwartzfelcL in: Ana- lele Societatii de Istorie „I. Barasch“, II., Bucuresti 1888, S. 116. — Einige biographische Einzelheiten über Neophit von Iacob Psantir in: Anuar pentru Israeliti pe anul 1895—1896, Bucuresti 1895, S. 195. — Cf. M. Schweig, Fapte si Idei, Bucuresti 1931, S. 54. 16) Derselbe Alexandru Moruzi, der während des Bukarester Pogroms in der Walachei regierte (11. II. 1799—19. X. 1801), herrschte in der Moldau vom 1. X. 1802 bis 24. VIII. 1806. 17) HHSA, St. K. Moldau-Walachei, I., K. 20 („Copie d’une Note présentée au Prince le 31 Mars 1803“). ls) HHSA, St. Kanzlei, Moldau-Walachei, I, K. 20 (54—56), Jassy, den 5. April 1803. 29*