Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes
Rezensionen 563 den älteren, kühleren, nüchternen Freund von der Unzulänglichkeit des Verstandes zu überzeugen und ihn auf die Pfade des Glaubens zu führen. Gentz bleibt unbeirrt. Immer wieder hält er Müller entgegen: wenn der Mensch auf seinen Verstand verzichtet, verzichtet er auf seinen besten Teil. Neben diesen mehr persönlichen Aspekten wird in dem lebhaften Gedankenaustausch die große und kleine Politik ausführlich besprochen. Beide sahen anfänglich in England, dem entscheidenden Bollwerk gegen die Revolution, die Hoffnung Europas aufgehen. Beide wandten sich in späteren Jahren von England ab. Müller versuchte, die Theologie politisch auszumünzen; Gentz leistete seinem Herrn, dem Staatskanzler Metternich, publizistische Schützenhilfe. Müllers eigene politische Aktivität (abgesehen von seinen Spionagediensten für Preußen) entfaltete er bei der Befreiung Tirols als Sekretär Leopold Anton von Roschmanns und später als österreichischer General-Konsul in Sachsen. Laut der geheimen Instruktion (Nr. 822) — die Müller im Auftrag Metternichs für sich selbst entwarf — bestand seine eigentliche Aufgabe in der Beobachtung der „revolutionären Stimmung der Gemüter“ im nördlichen Deutschland. Er sollte des weiteren durch ein eigenes Journal versuchen, diesem „täglich wachsenden Übermute der Schriftsteller“ würdig entgegenzuwirken. Müller fühlte sich in seinem Element. An Metternich gehen lange und detaillierte Berichte. So über das Wartburgfest (Nr. 950, Nr. 958). Nach der Ermordung Kotzebues durch den Studenten Sand schlägt Müller „zwei Hülfsmittel“ vor: 1) Ernennung eines Kurators auf jeder Universität, 2) Versetzung der „anstößigen Professoren“ in Zivilstellen, wo sie wenig Schaden anrichten können (Nr. 1039). Müller wurde nach Karlsbad eingeladen und wirkte bei den Beratungen mit. Beide Vorschläge sind in die Karlsbader Beschlüsse als § 1 und § 2 auf genommen worden (Nr. 1085). In der Folgezeit löste sich Müller immer stärker von der offiziellen Politik. Im „Froschmäusekrieg“ (Treitschke), den Zollstreitigkeiten zwischen Preußen und Anhalt/Köthen, ging er zum Unbehagen Wiens seinen eigenen, von persönlichen Ressentiments gegen Preußen diktierten Weg. Mit der Zeit wurde seine Stellung in Leipzig unhaltbar. Er wurde nach Wien zurückberufen, starb aber bereits kurze Zeit darauf, am 17. 1. 1829. Es ist hier nicht der Ort, die Prinzipien von Quelleneditionen zu diskutieren. Baxa wählte das Prinzip der Vollständigkeit, d. h., alles, was in näherem oder weiterem Umkreis Müller irgendwie berührt, aufzunehmen. Das hat unleugbar Vorteile, kann jedoch auch zu einigermaßen grotesken Effekten führen. So, wenn unter Nr. 631 ein Brief Graf Loebens an Joseph von Eichendorff steht, der bezüglich Müller nur Grüße an ihn enthält, oder wenn unter Nr. 925, aus dem Tagebuch von Gentz, die Stelle vom 12. Mai 1817 aufgenommen wird: „An A. Müller... geschrieben..." Dann wäre zu fragen, ob es wirklich für die Charakterisierung der allgemeinen politischen und sozialpsychologischen Situation in Deutschland keine verläßlichere Darstellung als die von Treitschke gibt, die Baxa laufend zitiert. Unbeschadet solcher kritischer Fragen sind die „Lebenszeugnisse“ eine Sammlung von Dokumenten, an der niemand, der sich mit der politischen 36*