Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

562 Literaturberichte Adam Müllers Lebenszeugnisse, hrsg. von Jakob Baxa, 2 Bde., München— Paderborn-Wien 1966, 2394 S. Von Othmar Spann auf Adam Heinrich Müller gewiesen, hat sich Jakob Baxa ein Leben lang mit diesem romantischen Staatsphilosophen, Nationalökonomen, Literaten und Kryptotheologen beschäftigt. Baxa’s Fleiß und Akribie verdanken wir u. a. die Herausgabe von Müllers Haupt­werk „Die Elemente der Staatskunst“ (1922) und die noch heute gültige Biographie (1930). Jetzt sind alle auffindbaren Dokumente in zwei dicken Bänden (insgesamt 2394 Seiten) von Baxa zusammengetragen, kommen­tiert und unter dem Titel „Lebenszeugnisse“ publiziert worden. Das in der Forschung bestehende (und wesentlich von Baxa mit­geprägte) Bild Adam Müllers wird durch die neu aufgeschlossenen Quellen transparent, in Einzelheiten fülliger, aber im großen und ganzen kaum verändert. Durch Müllers weitreichende Verbindungen zu Metternich, Hardenberg, Gentz, Haller, aber auch zu Rotteck und Brockhaus hindurch spiegeln die „Lebenszeugnisse“ die ganze romantisch-restaurative Epoche in ihrem angestrengten und ein wenig naiven Bemühen, die „Ordnung zu bewahren“, spiegeln sich die persönlichen Lebensschicksale der Roman­tiker (vor allem Kleistens, mit dem Müller einige Zeit lang liiert war) und die politischen und ökonomischen Verhältnisse des Vormärz. Der auf­merksame Beobachter kann die wesentliche Differenz zwischen dem ge­borenen, in sich ruhenden Konservativen (z. B. Metternich) und dem poli­tischen Romantiker reflektieren, der von der Sünde der „Revolution“ affiziert, von der konservativen Ordnung unbefriedigt, mit der „Gegen­revolution“ liebäugelt. Deutlich wird dieser geistesgeschichtliche Bezug durch die Nachwirkungen, die Adam Müller gerade im österreichischen Raum zeitigte: Über Vogelsang zu Spann und zur ganzen neo-romanti­schen Schule wirkten seine Ideen vom Staat als großem Organismus, von den Ständen als Prinzip einer gegliederten Gesellschaft auf die durchaus „revolutionären“ Versuche ein, die große Revolution von 1789 im „christ­lichen Ständestaat“ ungeschehen zu machen. Adam Müller wurde 1779 in Berlin geboren, versuchte zunächst sein Glück im preußischen Staatsdienst, konvertierte 1805 in Wien zur katho­lischen Kirche, trieb einige Jahre unschlüssig in Dresden und Wien hin und her, konnte dann aber, von Gentz protegiert, als österreichischer General-Konsul in Leipzig Fuß fassen. Seine menschlichen Schwächen, die hart an Charakterlosigkeit grenzten, sind in der Literatur (vor allem von C. Schmitt) genügend breit glossiert und kritisiert worden. Schon seine Zeitgenossen sparten nicht mit boshaften, verächtlichen Urteilen. Treu zu Müller hielt allein Friedrich Gentz. Die Korrespondenz zwischen den beiden bildet denn auch den Hauptteil der Dokumentation. Müller ver­dankte Gentz viel: den Hinweis auf sein Ideal schlechthin, — auf Edmund Burke; die Förderung seiner politischen Karriere und die Möglichkeit, laufend aus erster Hand über die europäische Politik informiert zu wer­den. Darüber hinaus dokumentiert das Gespräch der beiden das Aufein­andertreffen zweier Epochen, Stile, Denkrichtungen: das Auf einander­prallen von Romantik und Aufklärung. Müller, vage in den Begriffen, aber voll von leidenschaftlichem Enthusiasmus, versucht immer wieder,

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