Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

526 Literaturberichte weltanschaulichen Wankelmut abzutun und seinem so respektablen Werk die wissenschaftliche Relevanz abzusprechen. Ich glaube aber doch, daß gegenüber Redlichs zum Teil durch die augenblickliche politische Situation stark beeinflußten Thesen mitunter noch mehr Vorsicht am Platze ist, insbesondere soweit es sich um Fragen der Innenpolitik der franzisko- josephinischen Epoche handelt, namentlich auch bei der Beurteilung von Problemen der Sudetenländer. Es ist nicht möglich, hier auf die Details der subtilen Darstellungsweise und Gedankenführung Professor Kanns einzugehen. Da und dort möchte der Rezensent die Akzente etwas anders setzen. Ein Beispiel möge dies­bezüglich genügen. Der Autor polemisiert vielfach — und natürlich nicht mit Unrecht — gegen den deutschen, bzw. deutsch-liberalen Zentralismus. Ihm werden wesentlich wohlwollender beurteilte föderalistische Ten­denzen entgegengestellt. An sich aber war der deutsche Zentralismus mit dem Ausgleich von 1867 im Rahmen der Gesamtmonarchie gescheitert. Er ließ sich aber auch nicht mehr in der gesamten österreichischen Reichs­hälfte aufrechterhalten, nicht sosehr wegen der Organisation in Kron- ländern, sondern weil in einer Zeit der Demokratisierung des Wahl­rechtes die Deutschen, bereits eine Minderheit in der Bevölkerungszahl, auch zu einer im Reichsrat wurden. So wollten schließlich deutschnationale Kreise durch Ausscheidung Galiziens, der Bukowina und Dalmatiens zu einem Restösterreich gelangen, in dem die Deutschösterreicher zahlen­mäßig und politisch noch über Tschechen, Slowenen und Italiener domi­nierten. Dieser Rest eines „deutschen Zentralismus“ unterscheidet sich aber unseres Erachtens nicht allzusehr von den untereinander so ver­wandten Ansprüchen der Tschechen auf Herrschaft über die gesamten Sudetenländer oder jenen der Magyaren über die ungarischen Länder. Es war eben die Verwandtschaft der Ziele, die von den einzelnen Völkern angestrebt wurden, die einen Ausgleich so schwer machte: Die repräsen­tativsten Vertreter der Deutschösterreicher waren für einen Wiener, die der Ungarn für einen Budapester und die der Tschechen für einen Prager „Zentralismus“, natürlich in verschieden umgrenzten, jedenfalls aber über die eigenen Siedlungsgebiete erheblich hinausreichenden Terri­torien. Dem echten ethnischen Föderalismus kam etwa bei den Tschechen, so im Werke und in den Anschauungen Palackys, nur ein episodischer Charakter zu; 1918/1919 aber organisierten sie ihren Staat bewußt zen­tralistisch. Hätten die Deutschösterreicher nach dem Zustandekommen der in ihrer Anlage und erst recht in der Durchführung verunglückten Lösung von 1867 noch den tschechischen staatsrechtlichen Wünschen zugestimmt, so wäre ihnen nach der Abschreibung der Sudetenländer und dem damit schon aus geographischen Gründen unvermeidlichen und, wie aus den er­wähnten späteren deutschnationalen Plänen hervorgeht, an sich gewiß nicht schwer gefallenen Verzicht auf Galizien und die Bukowina, als zahlenmäßig und wirtschaftlich stärkster Nationalität nur die Vorherr­schaft in einem Gebiet verblieben, das weniger volksreich und auch wirt­schaftlich schwächer war, als die magyarisch und tschechisch dominierten Ländergruppen. Es ist immerhin verständlich, daß sie darauf nicht ein­

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