Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

Rezensionen 527 gehen wollten. Eine Akzeptierung der staatsrechtlichen Forderungen des Hohenwartprogramms (dessen Schwächen Kann übrigens klar erkennt) hätte die politische Teilung der Deutschen bei gleichzeitiger Zusammen­fassung der Tschechen zur Folge gehabt, wozu als erschwerendes, psycho­logisch-politisches Faktum dazukam, daß man 1866 den Rückhalt am Deutschen Bund verloren hatte und 1870/1871 die Trennung von den „Reichsdeutschen“ offensichtlich endgültigen Charakter annahm. Man kann der liberalen politischen Führungsschichte der Deutschösterreicher nicht Vorhalten, daß sie nunmehr ihre Hauptaufgabe in der konsequenten Opferung weiterer Positionen der eigenen Volksgruppe hätte sehen sollen. Eher anfechtbar ist der kulturelle Hochmut, mit dem man glaubte, weiter­hin namentlich auf die slawischen Völker herabsehen zu dürfen, auch auf die Tschechen, die den einstigen deutschen Vorsprung schon durchaus wettgemacht hatten. Es versteht sich ferner, daß ebenso wie im Falle der Deutschösterreicher auch bei Beurteilung der nationalen Politik der anderen Völker traditions-, zeit- und situationsbedingte Vorausset­zungen zu würdigen sind, die manche zunächst widerspruchsvoll an­mutende Thesen und Programme sehr wohl verständlich erscheinen lassen. Die Tschechen hatten sich seit den Anfängen der Tätigkeit ihrer nationalen Erwecker politisch und gefühlsmäßig immer mehr von den Deutschen distanziert, dennoch hielten sie nach kurzem Schwanken an der Einheit der Länder der Wenzelskrone einschließlich der deutschen Siedlungsgebiete fest und rügten den Rückgang des böhmischen Landespatriotismus bei den deutschen Landsleuten — aber warum sollten die Tschechen nicht wenig­stens ein Gutteil dessen anstreben, was man den Magyaren bereits zu­gebilligt hatte? Im übrigen ergab sich ihre Politik letzten Endes aus der Sorge um den Bestand des eigenen von deutschem Siedlungsgebiet um­schlossenen Volkstums, also aus einem durchaus legitimen Anliegen. Diese Existenzangst beherrschte nun freilich auch die Sudetendeutschen, wie überhaupt die beiden Nationalitäten der Sudetenländer in ihrem Wesen und in ihren Bestrebungen einander sehr glichen, was in dieser Rezension nicht näher ausgeführt zu werden braucht, vielleicht aber im vorliegenden Werk hätte betont werden können. Professor Kann schrieb sein umfassendes Opus im Geiste intellektu­eller Redlichkeit und getragen vom Bestreben nach sorgsamer Erwägung jedes pro und contra. Durch dieses Bemühen mag die Stilisierung an Bün­digkeit und Prägnanz etwas verloren haben, an wissenschaftlichem Wert konnte die Untersuchung nur gewinnen. Daß ein derart groß angelegtes Werk nicht in erster Linie nach ungedruckten Quellen gearbeitet werden konnte, versteht sich von selbst, doch zog der Autor auch Archivmaterial heran und knüpfte mehrfach an eigene Spezialstudien an, in denen dies­bezügliche Einzelhinweise zu finden sind. Jedenfalls verdanken wir es dem Verfasser, daß ein Standardwerk geschaffen wurde, an dem niemand Vorbeigehen darf, der sich ernstlich mit der Materie des Nationalitäten­problems im Habsburgerreich auseinandersetzen will. Erich Zöllner (Wien).

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