Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes
Rezensionen 525 Auflage erscheint gegenüber dem englischen Originalwerk (The Multinational Empire, 2 Bde., 1950) wesentlich erweitert, namentlich auch in bibliographischer Hinsicht. Die beiden Bände von Kanns Werk über das Nationalitätenproblem unterscheiden sich voneinander nicht unerheblich in den Perspektiven zum Problem. Der erste befaßt sich nach einleitenden Ausführungen über die historischen Wandlungen des Staatswesens und über die Gliederung der Nationalitäten mit den verschiedenen Volksgruppen, wobei der Verfasser an die bekannte Unterscheidung „historischer“ und „nichthistorischer“ Nationalitäten anschließt, allerdings eine etwas subtilere Terminologie (Volksgruppen mit, bzw. ohne unabhängige nationalpolitische Geschichte im Gebiet der Habsburgermonarchie) verwendet. Der Leser wird mit der geschichtlich gewordenen politischen Stellung der einzelnen Völker und verschiedenen Aspekten ihrer Probleme und Aspirationen konfrontiert. Der zweite Band befaßt sich mit den Ideen und Plänen über eine Reichsreform seit dem Jahre 1848. Schließlich wird in einem abschließenden Kapitel eine zusammenfassende Gesamtbilanz des Nationalitätenproblems in der Habsburgermonarchie etwa im letzten Jahrhundert ihres Bestandes vorgelegt. Der Autor ist ungeachtet starker Anteilnahme an seiner Aufgabe stets um die distanzierte Objektivität des wahren Gelehrten bemüht. Diese Feststellung bedeutet gewiß nicht, daß man allen wesentlichen Punkten seiner Ausführungen zustimmen muß. Ebensowenig wie es ein allseits befriedigendes nationales Reformprogramm gab oder auch nur geben konnte, so ist es schwerlich möglich, bei Behandlung dieser Materie es allen Historikern und Rezensenten recht zu machen. National und weltanschaulich bedingte Ansichten werden sich unter Umständen stärker erweisen als wissenschaftliche Einsichten. Es scheint ferner ziemlich klar zu sein, daß bei einem so umfassenden und vieldiskutierten Thema der Autor vielfach an ältere Arbeiten anknüpfen konnte und mußte, wobei offenbar die Werke von Oskar Jászi und Josef Redlich auf den Verfasser einen nachhaltigen Eindruck ausübten. Möglicherweise hat dabei das Oeuvre Redlichs, insbesondere das Werk über das österreichische Staats- und Reichsproblem, das Gesamtbild, das sich Kann von den Problemen machte, stärker beeinflußt als irgend eine andere Lektüre. Hiezu ist nun festzustellen, daß Josef Redlich, wie aus der Veröffentlichung seiner Tagebücher mit hinlänglicher Deutlichkeit hervorgeht, manchen politischen Irrtümern und Irrwegen, die er in seinen Werken und bei anderer Gelegenheit sarkastisch geißelte, mitunter selbst erlegen ist. Redlichs Wandlung von einer sehr deutschbetonten liberalen Haltung (über eine christlich-österreichische Zwischenstation mit starken Sympathien für Lueger) zu einer enthusiastischen, fast kritiklosen Masarykverehrung dürfte allerdings für manche freisinnige Intellektuelle exemplarische Bedeutung haben. Einem so scharfen Beobachter wie Robert A. Kann sind diese Dinge natürlich nicht verborgen geblieben; er ist andererseits nicht in den Fehler verfallen, verschiedene Schwächen und Widersprüche in Redlichs gewiß von der Sorge um die Entwicklung der Monarchie und Mitteleuropas bestimmter Haltung kurzerhand als