Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 243 Wien und Berlin beträchtliche Differenzen, doch da für beide Staaten der Wert des Dreibundes außer Zweifel stand, unternahm man alle Anstren­gungen die Krise beizulegen. Durch die gedankenlosen Äußerungen Con­rads konnten jedoch die politischen Gegensätze auch auf den militärischen Bereich übertragen werden und dies beabsichtigte der Chef des General­stabes sicherlich nicht. Da sich die Lage Bulgariens weiter verschlechterte und die erhoffte russische Hilfe ausblieb, war Danew gezwungen, am 15. VII. von seinem Post,en als Regierungschef zurückzutreten. An seiner Stelle wurde der österreichfreundliche Radoslawow mit der Regierungsbildung betraut8 9). Während Laxa die Auffassung vertrat, die Monarchie solle die neue Regierung voll und ganz unterstützenB), entschloß sich Berchtold auch weiterhin den „Eiertanz“ fortzusetzen10). In Frankreich glaubte man dagegen die Monarchie könnte durch die Erfolge der Alliierten zu einem Eingreifen auf dem Balkan veranlaßt werden. Die französische Regierung forderte daher die Großmächte auf, sich jeder Einmengung in den Balkankonflikt zu enthalten, um die Aus­einandersetzung auf diese Weise zu lokalisieren11). Während die Groß­8) Uebersberger: S. 160 f. 9) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5542. (Chifferntelegramm Laxas. Aufg. Sofia 18. V II. 1913 11 h 45 m vm.; einget. Evb. 18. VII. 1913 10 h 45 m vm. (sic!), Res. Nr. 221. Abschrift ging an das A. M., Evb. Nr. 3387): „Erlaube mir meine Meinung dahin auszusprechen, dass dieses Ministerium -Radoslawow- unterstützt werden müsste, wenn wir die Stunde ganz für uns gewinnen wollen. Bulgarische Armee ist ganz für Österreich-Ungarn. Ministe­rium wird alles tun um sich mit Rumänien zu verständigen ... Hoffentlich ist es nicht zu spät.“ Siehe auch: Ebenda: (Chifferntelegramm Laxas: Aufg. Sofia 19. VII. 1913 12 h 30 m nm.; einget. Evb. 20. VII. 1913 6 h vm. Res. Nr. 223. Ging nicht an das A. M., Evb. Nr. 3406). 10) Hantsch: Graf Berchtold II S. 458. “) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Vidales vom 9. VIII. 1913, Res. No. 190, präs. 18. VII. 1913). In A. M. D. Ill S. 507 ist dieser Bericht nur auszugsweise wiedergegeben: Neben dem Vorschlag der Lokalisierung des Balkankonfliktes berichtete Vidale auch über die Angriffe der französischen Presse: „Schließlich sei es auch den Grossmächten ganz gleichgiltig, schreibt J. Hedmann im heutigen Echo de Paris, welchen Zusammenbruch jetzt am Balkan die Träume Prinz Eugens, die Ideen Kaiser Joseph II. und die Prophezeiungen österreichischer Zeitungen erleiden. Europa wünsche nichts, als dass in seinem Südosten, diesem Schauplatz periodisch wiederkehrender Katastrophen, endlich wohlbe­stellte, durch die Mauern fester Übereinkommen getrennte Reiche entstünden. ... Die einfältige Schlauheit mit der Österreich glaubt, die Lebensinteressen Rumäniens hinwegeskamotieren zu können, würde sich für den ungeschickten Unternehmer schlecht bezahlt machen. Übrigens habe er wahrlich Besseres zu thun, als seinen gebrechlichen Mechanismus so starken Erschütterungen auszu­setzen.“ 16*

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