Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
244 Horst Brettner-Messler machte diesem Antrag zustimmten, lehnte ihn Berchtold ab, da er sich nicht wie im ersten Balkankrieg die Hände binden lassen wollte 12). Um sich über die geänderte politische Situation auf der Balkanhalbinsel zu informieren, entsandte der Außenminister den Grafen Hoyos in einer Sondermission nach Bukarest. In einer Unterredung mit Majorescu wies Hoyos auf die dem österreichisch-ungarischen Gesandten gemachte Zusicherung hin, .. Rumänien würde bei den bevorstehenden Verhandlungen auch als Sprachrohr Österreich-Ungarn fungieren können.“ Der rumänische Außenminister stimmte zwar dieser Feststellung zu, verlangte aber zu wissen, „... eine wie grosse Vergrößerung Serbiens wir zugeben könnten ...“ und wies gleichzeitig darauf hin, ,,... dass die Interessen unserer Dreibundverbündeten sich nicht vollständig mit den unseren in dieser Frage deckten13). Wie aus einer Unterredung Berchtolds mit Tschirschky vom 21. VII. hervorgeht war der Hinweis Majorescus auf die Differenzen zwischen den Dreibundpartnern durchaus nicht unbegründet. Diese Gegensätze sowie die divergierenden Ratschläge die Berchtold von allen Seiten erhielt, schlossen eine zielbewußte Außenpolitik fast völlig aus. Das Dilemma in dem sich der Außenminister befand, findet in der Tagebuchaufzeichnung vom 26. Juli 1913 seinen Niederschlag: „Brief des Erzherzogs. Er will keine bulgarophile Politik, nur Großrumänien, Begünstigung Griechenlands, Frieden. — Referenten plai- dieren für Bulgarien, gegen Serbien, Krieg. Der reine Narrenturm“ 14). Der Chef des Generalstabes zeigte sich auch weiterhin über die Entwicklung der Lage höchst unbefriedigt. Am 19. VII. berichtete sein Stellvertreter, daß die bevorstehenden Friedensverhandlungen in Bukarest stattfinden würden 15 *), und am 25. VII. erhielt Conrad die Nachricht, daß sein Ansuchen um die Bewilligung eines Reisepasses für einen kurzen Besuch Italiens abschlägig beantwortet worden sei1B). In seinem Antwortschreiben entlud sich nun der lang aufgespeicherte Groll. Da Conrad die Erfolge Serbiens und das allmähliche Abschwenken Rumäniens in das Lager der Tripleentente aufmerksam verfolgte und da Berchtold seine Anträge nach einer friedlichen Lösung der serbischen Frage nicht beantwortet hatte, scheint seine Erregung nicht unverständlich. Nachdem Conrad Höfer für das Schreiben vom Vortage gedankt hat, fährt er fort: „In einem Staat, in welchem das Schweifeinziehen derart Alles, auch das Geringfügigste durchzieht ist es begreiflich, dass es nie zu einer Tat kommt, ich bin daher der Ansicht, dass man in B. H. D. lä) Hantsch: Graf Berchtold II S. 457. 13) Ö.-U. A. VI: n. 7892. 14) Hantsch: Graf Berchtold II S. 461 f. 15) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Brief Höfers an Conrad vom 19. VII. 1913, präs. 20. VII. 1913). ,e) Ebenda: (Brief Höfers an Conrad vom 24. VII. 1913, präs. 25. VII. 1913).