Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

242 Horst Brettner-Messler Serbiens gewaltsam zu erzwingen, als die Gelegenheit so günstig war — 1909 —“ 3). Am 14. Juli wurde Conrad durch ein Schreiben seines Stellvertreters Generalmajor Höf er über Berchtolds Einstellung zu den Ereignissen auf dem Balkan informiert. Zum Schreiben des Chefs des Generalstabes vom 12. VII. bemerkte der Minister des Äußeren, es sei ihm unmöglich .. jetzt und innerhalb so kurzer Zeit ... eine definitive Antwort .. zu geben. Höfer berichtet weiters, daß der Außenminister nicht beabsich­tige in den gegenwärtigen Konflikt einzugreifen, außer Rußland würde .. in eine ernste Aktion eintreten ..Überdies sei Berchtold bestrebt das Verhältnis zu Rumänien wieder enger zu gestalten4). Der Minister des Äußeren hatte sich zu diesem Schritt entschlossen, da Sofia sich seinen Friedensbemühungen verschloß und seine Augen vielmehr hilfe­suchend nach Petersburg richtete 5 6). Ein Eingreifen zugunsten Bulgariens hätte mit großer Wahrscheinlichkeit eine Auseinandersetzung mit Rumä­nien zur Folge gehabt und dazu konnte sich der Außenminister mit Rück­sicht auf Deutschland nicht entschließen. Die Aufzeichnungen Berchtolds zeigen deutlich, daß er sich der schwierigen Lage voll bewußt war ß). Conrad war über Berchtolds passive Haltung schwer enttäuscht. Er hatte dem Außenminister ja geraten, den Ausbruch des Krieges zu einer politischen Offensive zu benützen, um Serbien zu einem friedlichen An­schluß an die Monarchie zu bewegen, doch war Berchtold dieser Aufforde­rung nicht nachgekommen. Außerdem verstimmte ihn die rumänien­freundliche Haltung des Außenministers. „Rumänien wird so lange Profit aus uns ziehen,“ erklärte er, „als es dabei seine Rechnung findet, dann aber ohne unseren Rat tun, was ihm beliebt.“ Der Generalstabschef wendet sich sodann der Frage der Bedeutung des Dreibundes zu und behauptet, dieser habe .. im allgemeinen Fiasko gemacht, woran wohl auch sehr viel Deutschland Schuld trägt; es hat uns zurückgehalten und mit seiner Türkenpolitik in eine falsche Richtung gebracht“7). Dieses abfällige Urteil war jedoch nicht gerechtfertigt. Wohl bestanden zwischen 3) K. A.: Ch. d. Gstbs., Op. B., Fasz. 91. (Brief Conrads an Berchtold vom 12. VII. 1913. Abschrift). 4) A. M. D. III: S. 402 f. (Brief Höfers an Conrad vom 14. VII. 1913, präs. 14. VII. 1913). Siehe auch: Ö.-U. A. VI: n. 7644, Hantsch: Graf Berchtold II: S. 453. 5) K. A. Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5542. (Chifferntelegramm Laxas. Aufg. Sofia 8. VII. 1913 lh 30 m vm.; einget. Evb. 9. VII 1913 11h 45 m vm., Res. Nr. 209. Ging nicht an das A. M., Evb. Nr. 3255): „Russophile Regierung hat heute schon um Russlands Unterstützung gebe­ten.“ 6) Hantsch: Graf Berchtold II S. 453. (Tagebuchaufzeichnung zum 10. VII. 1913): „Ein Krieg gegen Serbien, das mit unserem Verbündeten Rumä­nien cooperiert, um Bulgarien zu Hilfe zu kommen, das sich an Rußland um Hilfe wendet — wäre barer Unsinn.“ 7) A. M. D. Ill S. 404. (Brief Conrads vom 15. VII. 1913).

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