Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 231 Es hätte für Berchtold zweifellos eine große Erleichterung bedeutet, wenn Conrad in seinen Kriegsforderungen zurückhaltender gewesen wäre. Da jedoch auch aus militärischen Gründen Teile der österreichisch-ungarischen Armee nicht ohne Schädigung der Truppenmoral in dauernder Kriegsbereitschaft gehalten werden konnten, forderte der Generalstabschef rasches und energisches Handeln. Sodann spornte die herausfordernde Haltung Belgrads Conrad zu immer neuen Anstrengungen an, seinen Plänen Gehör zu verschaffen. Am 28. Mai erhielt Pasié für seine überaus scharfe Rede vor der Skupstina lebhaften Beifall67), und der Führer der oppositionellen Schriftsteller erklärte: „Uns kann jetzt der Gedanke freuen, daß Österreich-Ungarn die Vereinigung der Serben vollenden wird, ebenso wie es mit seiner Politik die Einigung der Deutschen und Italiener herbeigeführt hat. Wenn es dieses edle Werk vollendet hat, bleibt ihm nichts anderes übrig, als in ein historisches Museum zu wandern“ 68). Als Ugrón am 4. VI. bei Pasié vorsprach, um auf den überaus ungünstigen Eindruck der Rede hinzuweisen, erklärte der Ministerpräsident, „. . . dass er bei der ganzen Rede auf die innerpolitische Lage habe Rücksicht nehmen müssen; ... er habe lediglich die öffentliche Meinung beruhigen sie jedoch keinesfalls gegen die Monarchie aufreizen wollen“ 69). Zweifellos befand sich Pasié in einer schwierigen Situation, denn während sich der russische Gesandte in Belgrad Hartwig um einen Ausgleich der Spannungen bemühte, trat ein Großteil der serbischen Bevölkerung sowie die Presse mit Nachdruck für ein energisches Auftreten gegen Bulgarien ein70). Der Versuch Pasiés die inneren Schwierigkeiten Serbiens durch Sofia auszuüben, da es in diesem Falle zur Bildung eines Balkanbundes mit einer Spitze gegen die Monarchie kommen könne. Siehe auch G. P. XXXIV/2: Nr. 13.345. 67) Hantsch: Graf Berchtold II: S. 317. 68) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5541. (Bericht Gellineks vom 29. V. 1913, Res. Nr. 178, präs. Ch. Gstbs. 1. VI. 1913. Ges. A. M. 18. VI, 1913, Evb, Nr, 2624), «9) Ö.-U. A. VI ß n. 7269. 70) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5541. (Bericht Gellineks vom 7. VI. 1913, Res. Nr. 189, präs. Ch. d: Gstbs. 10. VI. 1913. Ges. A. M. 3, X, 1913, Evb, Nr 2768), Gellinek berichtet, daß die Regierung friedlich gesinnt sei, Pasié würde um den Frieden zu erhalten sogar auf einen Teil Makedoniens verzichten, jedoch sei die Stimmung in der Armee und in der Bevölkerung dagegen. Die Presse führe ebenfalls eine sehr kriegerische Sprache und fordere die Annexion der von den serbischen Truppen besetzten Gebiete. Das Zögern der Regierung werde als Verbrechen bezeichnet, denn die Bereitschaft Bulgariens die Konferenz von Saloniki zu beschicken sei nur ein Manöver, um der bulgarischen Armee Zeit zur Konzentrierung zu geben. Gellinek schließt sich dieser Ansicht ebenfalls an. Ein Telegramm Laxas bestätigt Gellineks Vermutung: (Ebenda: Chiffernte- 7 h vm.; Res. Nr. 168. Abschrift ging an das A. M., Evb. Nr. 2784): „Anfrage Serbiens wegen Revision des Vertrages wird nächster Tage in verneinendem Sinne beantwortet in Belgrad erfolgen. Aufmarsch Bulgariens an der Grenze nahezu beendet; an der őataldza nurmehr 10. Division, welche