Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
232 Horst Brettner-Messler Angriffe auf Österreich-Ungarn zu überwinden war jedoch höchst riskant, denn dadurch lieferte er jenen Kräften in der Monarchie, die ein entschiedenes Vorgehen gegen den Nachbarn forderten, schlagkräftige Argumente. Bulgarien setzte trotz der Beschwichtigungsversuche des Ballhausplatzes die Umgruppierung seiner Streitkräfte fort und weigerte sich auch weiterhin, die rumänische Neutralität durch Gebietsabtretungen zu erkaufen 71 72 * *). Äußerst geschickt verhielt sich Rumänien, indem es vermied, die gewünschten Gebiete ultimativ von Sofia zu fordern. Da Bulgarien überdies allmählich den Ernst der Lage erkannte und — freilich viel zu spät und mit viel zu geringem Nachdruck — Verhandlungen mit Bukarest begann, glaubte man noch anfangs Juli einen Kriegseintritt Rumäniens vermeiden zu können 12). Am 3. Juni berichtete Hranilovic, daß Rumänien bei Ausbruch eines Krieges unbedingt mobilisieren würde: „Gegen wen dann die Wehrmacht in Aktion treten wird, hängt wohl in erster Linie vom Ergebnis der angekündigten Annäherung Bulgariens ab“ 7S). In einem neuen Balkankrieg bot sich auch der Türkei die Möglichkeit zumindest einen Teil der verlorenen Gebiete wieder zu gewinnen. Während der Großwesier neutral bleiben wollte, traten radikale Kreise für ein aktives Eingreifen ein. Noch am 31. Mai erklärte Mahmud Schefket Pascha dem österreichisch-ungarischen Militärattache die Türkei werde von Bulgarien keine Gebiete fordern, denn ,,. . . die Verschiebung der nun auch abgehen soll.“ Siehe weiters A. M. D. Ill: S. 343 f. (Bericht Laxas an einen Freund vom 29. V. 1913, präs. 4. VI. 1913). In A. M. D. III ist fast der gesamte Bericht wiedergegeben, unterdrückt wurde nur folgende Ansicht Laxas: „Meine Ansicht ist es, dass es zum Kriege kommen wird und ich glaube den Bulgaren schon jetzt den Sieg zusprechen zu können.“ 71) A. M. D. Ill: S. 344, S. 365 f. (Bericht Laxas vom 8. VI. 1913, präs. 20. VI. 1913). Siehe weiters K. A.: Ch. d. Gstbs. Evb., Fasz. 5541. (Chifferntelegramm Laxas. Aufg. Sofia 4. VI. 1913, 3 h 10 m. vm.; einget. Evb. 4. VI. 1913 1h nm.; Res. Nr. 157. Ging auch an das A. M., Evb. Nr. 2688). „Besprechung Pasié und Guschoff haben kein positives Resultat geliefert... Situation nach meiner Auffassung unverändert. Krieg wird sich schwer vermeiden lassen. Kabinett Gueschoff Demission gegeben, soll nächster Tage durch ein neues Ministerium ersetzt werden. Rumänien tritt erneuert mit Forderungen an Bulgarien heran, wenn dieses der Neutralität Rumäniens sicher sein will, sonst ist ein . . .*) mit Serbien nicht ausgeschlossen.“ *) Chifferngruppe fehlt. Weiters ebenda (Chifferntelegramm Laxas. Aufg. Sofia 5. VI. 1913 12 h nm.; einget. Evb. 5. VI. 1913 lh 30 m. nm; Res Nr. 162. Ging auch an das A. M., Evb. Nr. 2703. 72) Ö.-U. A. VI: n. 7585, n. 7586. 7S) A. M. D. Ill: S. 365. (Bericht Hranilovics vom 3. VI. 1913, Res. No. 109 geheim, präs. 6. VI. 1913).