Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

230 Horst Brettner-Messler serbisch-bulgarischen Konfliktes zu einer wohlwollenden Neutralität oder vielleicht sogar zu einer aktiven Unterstützung Bulgariens bereit wäre“ 62). Bulgarien lehnte jedoch weitere Gebietsabtretungen ab 63), und überdies hatte ja der bulgarische Gesandte in Belgrad Toschew bereits im April erklärt, Österreich-Ungarn werde hoffentlich bei einem serbisch-bulgari­schen Krieg nicht ruhig zusehen, sondern „ . . . das Schicksal Serbiens durch eine Aufteilung für immer besiegeln“ 64). Ebenfalls am 29. Mai erreichte den Chef des Generalstabes die Nach­richt Laxas, der deutsche Kaiser bemühe sich, durch direkte Einflußnahme in Sofia weitere Grenzgefechte zwischen Bulgaren und Griechen zu ver­hindern. Da der Militárattaché nicht ganz zutreffend informiert wurde, glaubte Conrad, daß Deutschland durch einen einseitigen Druck auf Bul­garien die Bemühungen der Donaumonarchie, Bukarest und Sofia für den Dreibund zu gewinnen, bedeutend erschweren würde. Das Telegramm Wilhelm II. an Zar Ferdinand erhielt jedoch lediglich die Mahnung, die Friedensbemühungen der Großmächte nicht durch militärische Aktionen zu gefährden. Laxa schloß sein Schreiben mit der Bemerkung, es sei sehr bedauerlich, daß die Donaumonarchie den Frieden so sehr liebe und dadurch die besten Gelegenheiten ungenützt vorübergehen lasse, „. . . um Serbien aus der Welt zu schaffen“65 66). Der Außenminister wollte zwar ebenso wie der Generalstabschef eine rumänisch-bulgarische Annäherung erreichen, doch schien ihm Conrads Weg keinen Erfolg zu versprechen, da er befürchtete, daß ein weiterer Gebietsverlust Bulgariens vielmehr die dauernde Feindschaft zwischen beiden Nachbarn zur Folge haben würde. Als der Minister des Äußeren bemerkte, daß auch ein Großbulgarien eine Bedrohung der Monarchie bedeute, erwiderte der Chef des Generalstabes: „Uns ist doch lieber ein Großbulgarien, als ein Großserbien. Was werden Sie machen wenn Serbien und Rumänien auf Bulgarien losgehen? Dann müssen wir doch gegen Serbien gehen! Was ist Ihnen lieber: ein siegreiches Bulgarien oder ein siegreiches Serbien?“ Berchtold antwortete daraufhin ausweichend und meinte, er könne diese Frage erst beantworten, wenn die Entschei­dung über die Haltung Rumäniens gefallen sei 6e). 62) Ö.-U. A. VI: n. 7191. G. P. XXXV: Nr. 13.370. 63) Ö.-U. A. VI: n. 7202. 84> A. M. D. Ill: S. 251 f. (Bericht Gellineks vom 6. IV. 1913, präs. 10. IV. 1913). 65) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Schreiben Laxas an einen Freund vom 26. V. 1913, Geh. No. 182, präs. 29. V. 1913). In A. M. D. Ill S. 339 ist dieses Schreiben nur auszugsweise wiedergegeben. Der tatsächlich nach Sofia abgesandte Text Wilhelm II. befindet sich in G. P. XXXIV/2 Nr. 13.331. 66) A. M. D. III: S. 339. (Unterredung Conrads mit Berchtold vom 31. V. 1913). Bereits einige Tage vorher hatte sich Berchtold in einer Unterredung mit Tschirschky dagegen ausgesprochen einen zu starken Druck in Bukarest und

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