Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 229 wohl oder übel eine Annäherung suchen, konkrete Anträge stellen und nicht warten bis man aus Bukarest an sie herantritt, weil man hier gar keine Lust dazu fühlt“ 59). Auch Prinz Fürstenberg zeigte sich mit Berchtolds Ausgleichspolitik nicht einverstanden und erklärte, sollte er von Wien angewiesen werden gegen die rumänischen Kompensationsforderungen energisch Einspruch zu erheben, so würde er dies ablehnen. Sollte man jedoch auch weiterhin auf der Erfüllung dieses Auftrages bestehen, so würde er um seine Abberufung ersuchen. Hranilovic schloß sich der Ansicht des Gesandten an und wandte sich mit folgendem Appell an den Chef des Generalstabes: „So gesund die Idee ist, Bulgarien und Rumänien an unserer Seite zu wissen, so entsetzlich schlecht ist alles, was unsere Diplomatie in Wien bisher dafür getan hat. Sie glaubt sich offenbar der Rumänen so sicher, daß man sich gegen sie alles erlauben darf. Wie ich höre sind die ganz Weisen auf dem Ballhausplatze so in die bulgarophile Richtung verrannt, daß sie jeden Druck auf Rumänien auszuüben gesonnen wären, nur um sich in Sofia gefällig zu erweisen. Ein solches Vorgehen ist unmoralisch und illoyal, weil es den König Karol persönlich trifft ... Es ist ein Notschrei, der heute zu Eurer Exzellenz tönt. Schreiten wir auf der schiefen Ebene noch kurze Zeit abwärts, werden wir hier den Tiefpunkt nur allzubald erreicht haben“ 60 61). Conrad wandte sich nach dem Eintreffen dieser Nachricht mit dem dringenden Ersuchen an Berchtold, eine Verständigung zwischen Bukarest und Sofia in die Wege zu leiten. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse man Sofia veranlassen, freiwillig auf das Gebiet bis zur Linie Turtukaj-Balcik zu verzichten. „Bulgarien müßte bedeutet werden, daß es nur unter dieser die Neutralität Rumäniens gewährleistenden Garantie auf eine Unterstützung seitens der Monarchie zu rechnen hätte“ el). Der Außenminister ersuchte nun Sofia. „. . . in Pourparlers mit Bukarest einzutreten, um sich über die wahren Absichten Rumäniens Klarheit zu verschaffen und die Voraussetzungen kennen zu lernen, unter denen es im Falle eines 59) A. M. D. Ill: S. 335 ff. (Bericht Hranilovics vom 26. V. 1913, präs. 29. V. 1913), S. 344 f. (Bericht Pomiankowskis vom 22. V. 1913, präs. 29. V. 1913). In A. M. D III ist der Bericht nur teilweise wiedergegeben Im Original enthält der Bericht noch folgende wichtige Mitteilung: „Schliesslich teilte Mahmud Schefket Pascha dem Herrn Botschafter streng vertraulich mit, dass die Türkei sich in einem eventuellen Krieg der Balkanstaaten untereinander in keiner Weise einmischen werde. Dies sollte jedoch speziell Bulgarien gegenüber streng geheim bleiben.“ Siehe weiters Ö.-U. A. VI: n. 6833, n. 6903, n. 7060, n. 7061, n. 7077, n. 7093, n. 7103, n. 7138, n. 7152, n. 7165. eo) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Brief Hranilovics vom 27. V. 1913, keine Res. Nr., präs. 29. V. 1913). In A. M. D. III ist lediglich der Beginn des Schreibens wiedergegeben. 61) A. M. D. Ill: S. 338 f. (Brief Conrads vom 29. V. 1913).