Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 19. (1966)
SPRUNCK, Alphonse: Francisco Bernardo de Quiros, ein spanischer Diplomat im Dienste des Hauses Österreich während des spanischen Erbfolgekrieges
104 Alphonse Sprunck an der Ansicht, man könne durch Erfolge in diesen Provinzen die Franzosen zwingen, Spanien zu räumen. Diese Meinung teilte Quiros nicht, denn die Feinde würden den Verlust von Lille nicht als entscheidend für den Ausgang des Krieges ansehen. Aber die Gründe für eine energische Offensive in Spanien waren zahlreicher und wichtiger. Vor allem galt es, durch die Eroberung dieses Landes andere Fürsten und Staaten zu hindern, Ansprüche zu erheben auf andere Gebiete, die zu dieser Monarchie gehörten und schon tatsächlich von österreichischen Truppen besetzt waren. Ansprüche solcher Art durfte der Erzherzog auch nicht dulden, so lange er noch nicht im Besitze Spaniens war; sie erklärten sich nur dadurch, daß er vorläufig in diesem Lande nur mehr über ein kleines Gebiet verfügte. Deshalb müßte der Erzherzog selbst Quiros in seinen Bemühungen um Hilfe für Katalonien unterstützen. Der Marquis de Este war unterwegs von Brüssel nach Barcelona mit Berichten des Prinzen Eugen über den Feldzug in Flandern. Quiros hatte großes Vertrauen in diesen Mann, der dem Erzherzog sehr ergeben war. Ob die Zitadelle von Lille sich auch schon übergeben hatte, wußte Quiros nicht sicher22). Trotz allen seinen Warnungen war die Kapitulation dieser Festung abgeschlossen worden unter der Bedingung, die Stadt sollte den Verbündeten verbleiben. Aber die Generalstaaten hatten den Fürsten von Holstein-Beck, der in ihren Diensten stand, zum Gouverneur der Stadt und einen andern Holländer zum Platzmajor ernannt. Unter den Truppen, die Lille besetzt hielten, waren alle Nationen vertreten. Ob die Holländer den Österreichern einen Teil der Beute von Lille zum Unterhalt ihrer Truppen überlassen hatten, hatte Quiros noch nicht erfahren, trotzdem er dem Prinzen Eugen und Marlborough erklärt hatte, man müsse diese unbedingt noch verstärken. Unter solchen Umständen war die Einnahme von Lille ein großer Erfolg für die Verbündeten und ein schwerer Schlag für die Franzosen, aber für Österreich eher ein Nachteil, als ein Vorteil; dadurch nämlich war die Befreiung von Gent und Brügge verzögert worden, sodaß Flandern für mehrere Jahre ruiniert war und die Entmutigung und das Mißtrauen der Bevölkerung immer mehr zunahm, wozu auch die Unordnung in der Verwaltung durch die Seemächte beitrug. Die Einwohner der beiden Städte würden lieber die Franzosen unterstützen, als Untertanen Hollands werden; auch die Flamänder und Wallonen, die nicht unter französischer Herrschaft standen, würden lieber Franzosen werden, da sie die Regierung der Verbündeten als nachteilig für ihre Religion, ihre Handelsinteressen und ihre Freiheit ansahen 23). Die Holländer verstanden immer noch nicht, daß sie nur dann eine Barriere gegen Frankreich errichten könnten, wenn die südlichen Niederlande in den Besitz des Erzherzogs kämen. Vorläufig konnten alle ihre