Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

386 Masaki Miyake Staatlichkeit an und ist für ein enges Bündnis mit Deutschland. Deswegen habe ich den oben zitierten Brief des Fürsten ausführlich beantwortet. Wekerle, dem ich neulich von der Broschüre sprach und der sehr begierig schien sie zu lesen sandte ich heute auch ein Exemplar und schrieb ihm da­zu einen Brief der hier in Abschrift ebenso folgt, wie der Brief den ich an Lobkowitz gerichtet habe. IV. Brahmsplatz 6 Brief an Lobkowitz Wien, 10. Mai 1915 Euer Durchlaucht! Der Grund, warum ich Euer Durchlaucht interessanten Brief erst heute beantworte und für die Sendung der Broschüren erst heute danke, liegt einzig darin, daß ich von der mir gütig gegebenen Erlaubnis Gebrauch machen wollte, über den Inhalt der Broschüre etwas zu sagen. Vorher möchte ich aber mich ganz besonders mit der im Briefe Euerer Durchlaucht ausgesprochenen Ansicht einverstanden erklären, daß wir die Zeit nicht verstreiten lassen dürfen, um eine fruchtbare politische Vorbe­reitungsarbeit zu leisten, damit uns der Friede nicht unvorbereitet finde. In allen Kreisen der Bevölkerung lebt der Wunsch und die Hoffnung, daß wir nach dem Kriege nicht wieder in die früheren Zustände zurückfallen dürfen, weil sonst Gut und Blut umsonst geopfert wären. Wir müssen an einem neuen innerlich größeren Österreich arbeiten, was wir aber nicht durch die bisherigen Parteischlagworte erreichen werden, sondern nur — wie Euer Durchlaucht richtig sagen — durch reale Schöpfungen wozu wir alle uns die Hand reichen sollen, damit endlich der Wille zur Tat werde. Ich will offen bekennen und Euer Durchlaucht werden das nur natürlich finden, daß ich nicht allen Ausführungen der Broschüre ohneweiters zu­stimme. Aber in den Hauptzügen halte ich die dort erörterten Gesichts­punkte für richtig; einige geradezu ausgezeichnet und unwiderleglich be­gründet. Ich habe auch zu denen gehört, die geglaubt haben, daß wir eine andere Konstruktion des Gesamtstaates zustandebringen werden. Wie die Verhältnisse sich aber entwickelt haben, angesichts der Kraft, Aufopferung und Treue, mit der Ungarn zur Sache der Monarchie steht, müssen wir den Dualismus als definitiven Ausgangspunkt zu verwirklichen streben. Die Broschüre sagt deswegen sehr richtig, daß wir innerhalb djieses Gedankens eine Stabilisierung unseres Verhältnisses zu Ungarn zu erreichen suchen müssen. Die Ungarn befürchteten bisher immer noch und gerade von den konservativen Krelisen Österreichs, daß man den Dualismus nicht definitiv anerkenne und nur auf die Gelegenheit warte, ihn durch eine andere Bil­dung zu ersetzen. Ich hoffe, daß, wenn die Ungarn einmal darüber beruhigt sein werden, daß man ihre Staatlichkeit nicht mittelst der Nationalitäten in Ungarn in Frage stellen will, sie ihr Mißtrauen ablegen (sic!), dem Reiche bereitwilliger geben werden, was des Reiches ist und schließlich

Next

/
Oldalképek
Tartalom