Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa' 387 auch ihren Nationalitäten wenigstens jene Rechte einräumen werden, die ihnen Deak — Eötvös im Jahre 1867 ja tatsächlich bereits eingeräumt hat­ten. Momentan sind wiir durch die starke Persönlichkeit, die in Ungarn regiert und keine Rücksicht kennt im Gegensatz zur Nachgiebigkeit unserer österreichischen Regierung, stark in die Hinterhand gekommen114). Nach dem Kriege muß das Gleichgewicht wieder hergestellt werden; es ist dies schon deswegen notwendig, weil nur auf dem Fuße diner durchaus loyalen Auslegung des Dualismuses jenes Vertrauen zwischen Österreich und Un­garn hergestellt werden kann, welches wir notwendig haben, damit wir beide an der Machtstellung der Monarchie, an ihrer Wehrhaftigkeit und handelspolitischen Geltung gemeinsam arbeiten können. Euer Durchlaucht werden begreiflich finden, daß ich mich mit den Aus­führungen der Broschüre über unser zukünftiges Verhältnis zum Deutschen Reiche ganz besonders einverstanden erkläre. Über zwei der in der Bro­schüre angeführten Argumente freue ich mich deswegen, weil sie falsche Legenden zerstreuen. Es ist eine große Kurzsichtigkeit einen Zusammen­schluß Österreich-Ungarns mit Deutschland als eine Gefahr für die Selb­ständigkeit unseres Vaterlandes zu betrachten. Gerade das Gegenteil ist richtig. Sind wir isoliert, so sind wir schwach und sind wir schwach, dann fallen wir ohneweiteres unter die Patronanz von mächtigen Nachbarn. Aber auch Deutschland hat nur ein Interesse an einem starken Österreich- Ungarn. Das habe ich so oft in Deutschland gehört und ich halte es des­wegen für aufrichtig, weil es dem Interesse Deutschlands offensichtlich entspricht. Stark können wir beide nur sein, wenn wir uns politisch, mili­tärisch und wirtschaftlich aneinander anlehnen. Deswegen ist dieses Ver­hältnis die einzige richtige Basis unserer Zukunft. Auch das protestantische Deutsche Reich ist in religiöser Hinsicht keine Gefahr für uns, aus dem einfachen Grund, weil es nicht mehr exklusiv protestantisch ist, wie die Schwarzmaler glauben machen wollen. In Deutschland vollzieht sich ein gewisser Ausgleich, der immer die hohe Idee Kaiser Wilhelms war und der durch diesen Krieg eine immense Förderung erfahren wird. Nicht ganz ohne Vorbehalt kann ich den Ausführungen der Broschüre über die Notwendigkeit der Dezentralisierung der Verwaltung beitreten. Es kommt eben darauf an, was man unter dieser Dezentralisation versteht Mit vielen kleinen unbedeutenden Arbeiten sind unsere Zentralstellen be­lastet, die den Geschäftsgang schwerfällig und kostspielig machen. Auch gebe ich zu, daß die verschiedenen Länder Österreichs wirtschaftlich und sozial einen sehr verschiedenen Charakter haben, und daß man in Öster­reich weniger als irgendwo schablonenhaft regieren kann. Aber gerade der österreichische Staatsgedanke, der in der Broschüre mit Recht so hoch gehalten wird, bedingt eine Zusammenfassung der Kräfte und die Kräfte eines großen Staates können heutzutage nur durch große durchwirkende 114) Stephan Graf Tisza (1861—1918): 1903—1905 und 1913—1917 ungari­scher Ministerpräsident. 25*

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