Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

380 Masaki Miyake einem Gespräch im Grunde mit Baernreithers Denkschrift einverstanden erklärte und zu ihm sagte: „Deutschland könne sich nicht auf eine Präfe­renz einlassen. Die Schwierigkeit liegt in den gemeinsamen Handelsver­trägen. Die bloße Präferenz wäre für Deutschland deswegen nicht annehm­bar, weil der Dritte, die Vereinigten Staaten, das System doch durchbrechen und ihrerseits die Präferenz proklamieren würden, was für Deutschland gefährlich werden könnte. ... Eine baldige Verständigung tue sehr Not. Darin geht er (Richter) weiter als ich (Baernreither). Er will nicht bis zum Friedensschluß warten, sondern jetzt schon die Grundlagen beschließen. Aber zunächst nur zwischen Deutschland und Österreich. Von einer An­gliederung bestimmter dritter Staaten könne jetzt noch keine Rede sein. Das werde dann von selbst kommen. ... Auch staatsrechtlich gibt er mir vollkommen recht. ... Er spricht das alles sehr klar und bestimmt aus“ K7). Es ist in diesem Zusammenhang immerhin von Interesse, daß nun gerade Richter gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Wien, Heinrich von Tschirschky, im November 1915 an der Spitze einer Delegation stand, welche die deutsche Regierung nach Wien entsandte, um einmal die allge­meinen Grundlagen für eine wirtschaftliche Annäherung zwischen beiden Staaten zu klären 87 88). Auch der Staatssekretär für Finanzen, Karl Helfferich, war, Wie Baernreither in seinem Tagebuch berichtet, mit dieser Denkschrift grund­sätzlich einverstanden: „Am 11. 11. 15 Abend mit Helfferich. ... Auf meine Denkschrift kommend bespricht er sie zustimmend. Von einer staats­rechtlichen Verbindung könne keine Rede sein, aber diese sei selbst für Zollunion nicht notwendig. Die Zollunion habe bis 1866 ohne Zollparlament und gemeinsame Verwaltung existiert. Auf meine Einwendung daß dies damals doch ganz andere Verhältnisse waren, einfacher als heute, blieb er dabei daß eine Zollunion ohne gemeinsame Zollverwaltung sehr schwierig aber doch möglich sei. In diesem Punkt geht er also weiter als ich“ 89). Der Staatssekretär für Äußeres, Gottlieb von Jagow, schrieb am 29. September dieses Jahres an Tschirschky: „Baernreither hat mir sein Opus selbst gesandt u. habe ich ihm auch gedankt. Die Angelegenheit hat ihren großen Haken, denn hier wollen eigentlich weder die beteiligten Res­sorts (RA des Inneres, Handelsministerium) noch die Interessenten (wirt­schaftlicher Ausschuß) einstweilen noch etwas von einem z u nahen wirt­schaftlichen Anschluß wissen. Die Angelegenheit bildet aber nur ein Glied eines ganzen Fragenkomplexes (politisch, wirtschaftlich, militärisch) der schließlich mal, und eigentlich wohl bald, in toto einer Lösung bedarf. 87) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 57 f. 88) DZA Potsdam, RK Mitteleuropäischer Wirtschaftsbund, Bd. 3: Ergebnis der Besprechung in Wien, 24. 11. 1915, zitiert in: Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht, 2. Aufl. Düsseldorf 1962, S. 314. Vgl. Sweet, a. a. 0., S. 203. 89) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 61. Dieses Argument Helfferichs stammt wahrscheinlich aus dem oben zitierten historischen Teil der „Denkschrift aus Deutsch-Österreich“ über die Geschichte des Deutschen Zollvereins.

Next

/
Oldalképek
Tartalom