Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa' 381 Dieser Fragenkomplex hängt ja auch engstens mit der Polnischen Frage zusammen, über die uns Burián die versprochenen näheren Aufschlüsse (wie man sich in Wien die Sache denkt) noch immer nicht hat zugehen lassen“ 80). Am 4. Oktober bezdichnete der Unterstaatssekretär für Äußeres, Arthur Zimmermann, dem österreichischen Journalisten Heinrich Kanner gegenüber die Denkschrift Baernreithers als „sehr gut“ 90 91). Über die Polenfrage, mit der sich Baernreither seit dem Kriegsbeginn eingehender beschäftigte 92), sollte doch Polen größtenteils in das von ihm vorgeschlagene mitteleuropäische Wirtschaftsbündnis elinbezogen werden, führt er in Berlin zahlreiche Besprechungen mit Jagow, Richter usw. Über das Gespräch mit Jagow vom 9. November 1915 berichtet er in seinem Tagebuch: „Sehr ausführlich über Polen. ... Am meisten interessiert ihn, ob Österreich im Stande ist Polen zu verdauen. ... Von der Regierungs­fähigkeit der Polen hat er die allerschlechteste Meinung. ... Eine Anglie­derung Polens an Österreich wird also Deutschland nicht sicherstellen und Deutschland könne die Angliederung nur unter den stärksten Garantien zugeben. ... Das österreichische Deutschtum müsse erhalten und gestärkt werden. In welcher Form immer die Angliederung stattfindet, immer wird das Deutschtum in Österreich dadurch in seinem Einfluß geschwächt und reduziert. Dies würde unmittelbar geschehen, wenn die Polen in irgend einer Form in der Subdelegation 93) einen Platz eingeräumt erhalten wür­den ... An den Polen liegt ihm nicht. Auf sie komme es nicht an, sondern auf die Stärkung der beiden Mächte und auf das Deutschtum in Österreich. ... Einen festen Plan hat man in Deutschland über Polen auch nicht. Das geht aus der Reden Jagows unzweifelhaft hervor“ 94). Es ist nun fraglich, ob Baernreither damals etwas von jener Aufzeichnung Jagows vom 2. Sep­tember 1915 über die Lösung der Polenfrage erfuhr, die gerade in dieser Zeit akut wurde, als im Sommer 1915 ganz Polen den Mittelmächten in die Hände fiel95). In dieser Aufzeichnung machte Jagow die deutsche Zustim­mung zur Errichtung eines autonomen Polens unter österreichischer Ober­hoheit davon abhängig, daß der vorherrschende Einfluß der Deutschen in der Donaumonarchie gewährt bleibe und für die Zukunft sichergestellt werde. Denn Jagow war der festen Überzeugung, daß sich der staatsrecht­liche Dualismus der Monarchie durch die Aufnahme von 18 Millionen Polen in den Staatsverband zu einem Trialismus entwickeln werde und sich dann der Zerfall des Gesamtstaates nicht mehr aufhalten lassen werde96). 90) Sweet, a. a. 0„ S. 209, Anm. 34. 9D A. a. 0., S. 191. 9ä) Baernreither, „Winter 1917“, S. 74: Nachlaß Baernreither Karton 11; vgl. Anm. 6. 63) Über die Frage der Subdelegation siehe Anm. 128. 94) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 49 ff. 95) Werner Conze, Polnische Nation und Deutsche Politik im Ersten Welt­krieg, Köln—Graz 1958, S. 77. 86) Fischer, a. a. 0„ S. 244.

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