Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa1 379 die Einwendung unbegründet, daß die Aufrichtung eines Deutschland und Österreich-Ungarn umfassenden Zoll- und Handelsbundes nur möglich wäre, wenn an dem staatsrechtlichen Bau gerührt wird. Starken staatlichen Indi­vidualitäten wie Deutschland, wie Österreich und wie Ungarn kann und soll nicht zugemutet werden, sich ihrer Selbständigkeit zu entäußern“ 82 *). Daher soll die mitteleuropäische Zollunion nur auf einer völkerrechtlichen Grund­lage beruhen und die Souveränität der beiden Staaten unangetastet bleiben. Der Vertrag zwischen beiden Staaten über die Errichtung der Zoll­union sollte nach der Denkschrift für 25 Jahre gelten 88) und erst nach dem Friedensschluß in Kraft treten, während aber die Verhandlungen über diesen Vertrag bereits vor Kriegsende eingeleitet werden müßten84). Man sieht also doch recht deutlich, daß Baernreithers Memoranden in ihren sprachlichen Formulierungen viel vorsichtiger und zurückhaltender, in der Erörterung der realen Möglichkeiten eines mitteleuropäischen Wirt­schaftsverbandes bzw. eines deutsch-österreichisch-ungarischen Wirt­schaftsbündnisses wesentlich sachlicher und daher leidenschaftsloser und daher auch in ihren Lösungsvorschlägen realistischer sind als die ideell von einem besonderen optimistischen Enthusiasmus getragene „Denkschrift aus Deutsch-Österreich“. Bezeichnend für diesen sachlichen Gegensatz ist es wohl, daß im Februar 1915 Baernreither und Joseph Redlich dem Historiker Friedjung, dem Hauptverfasser dieser „Denkschrift aus Deutsch-Öster­reich“, lebhaft widersprachen, als dieser, wie Redlich sich in seinem Tage­buch ausdrückt, „mit unerträglich ,edlem“ Pathos seine Ansichten über die unbedingt erforderliche Schaffung einer Zollunion von Hamburg bis Bagdad aussprach“ 85 86 *). Doch davon abgesehen, weisen die Memoranden Baernreithers und die „Denkschrift aus Deutsch-Österreich“ inhaltlich zahlreiche gemeinsame Züge auf. Da nun 3 der 4 Verfasser dieser Denkschrift dem Kreis um Marchet angehörten, wo über einzelne Abschnitte des Exposes eifrig dis­kutiert wurde, ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß sie áich bestimmte Thesen Baernreithers geistig aneigneten, diese weiter entwickelten und sie dann in zugespitzter Form in ihre Denkschrift übernahmen. Ein Bei­spiel dafür wäre die von Baernreither aufgestellte Alternative zwischen staatsrechtlicher und völkerrechtlicher Struktur des anzustrebenden Wirt­schaftsbündnisses 8«). Baernreither konnte auf seiner Reise nach Berlin vom 6. bis 14. Novem­ber 1915 die Wirkung seiner Denkschrift in Deutschland persönlich beob­achten, als sich der Unterstaatssekretär für Inneres, Ernst Richter, in 82) Ebenda. 88) A. a. 0„ S. 59. 84) A. a. 0., S. 104. 85) Schicksalsjahre Österreichs, Bd. II, S. 15, vgl. S. 24 und S. 68. 86) Über die gemeinsamen Züge und die Typen der „Mitteleuropa-Pläne“ vgl. Meyer, a. a. 0„ S. 161 ff.

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