Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither
366 Masaki Miyake tung auf die von ihm projektierte Zollunion bestimmte substanzielle Handelsverträge ins Auge, „die aber spezialisierte Tarife für bestimmte Waren enthalten könnten, die im Zolltarif so zu beschreiben wären, daß ein Dritter den Zollsatz nicht benützen kann“ 18). Baernreither trat also für eine Art „pénétration pacifique“ der Balkanstaaten durch die Monarchie ein. Schließlich greift er im November 1915 die Idee einer Zollunion zwischen Österreich-Ungarn und den Balkanstaaten als Zukunftsplan wieder auf16 17 18 19). Als Privatmann übernahm Baernreither aus eigenem Antrieb oft politische Informationsreisen. Auf diesen Reisen nach Berlin, Rom, Budapest, Sarajewo, Belgrad u. a. führte er mit politisch maßgeblichen Persönlichkeiten des In- und Auslandes wie Wilhelm II., Bethmann Hollweg, mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Georg Graf Hertling, dem italienischen Außenminister San Giuliano und dem ungarischen Staatsmann Alexander Wekerle längere Gespräche, über deren Inhalt er dann dem Ballhausplatz nach seiner Rückkehr wie gewöhnlich Bericht erstattete. Aber diese seine außenpolitische Aktivität erregte oft genug bei der zünftigen Diplomatie Anstoß. So mußte er nur zu oft die bittere Erfahrung machen, daß der Ballhausplatz ihn und andere diplomatische Außenseiter nicht allzu ernst nahm, und erbittert erkennen, daß man sich dort an den von ihm auf diesen Reisen gesammelten, oft nicht unwichtigen Informationen völlig desinteressiert zeigte. So schreibt er gekränkt in sein Tagebuch: „Ein uneigennütziges Interesse an dem Wohl des Staates lebt doch auch außerhalb der zünftigen Diplomatie. Von solchen freien Kräften macht man in anderen Staaten den umfassendsten und nützlichsten Gebrauch. Bei uns gibt man sich nicht die geringste Mühe, solche Menschen zu fördern, anzuhören und je nach ihren Qualitäten zu benützen. Wie oft kam ich von Reisen, bei denen ich viel gesehen und gehört hatte, zurück und wurde am Ballhausplatz mit jener kühlen überlegenen Gleichgültigkeit, die aber sehr oft nur Unwissenheit war, angehört, die von vornherein jede eingehende Mitteilung lähmt. Es gehört das in dasselbe Kapitel wie die Äußerung Ährenthals: „Was hat Baernreither in Belgrad zu suchen?“ 18) III. Die „Mitteleuropa“ -Pläne Baernreithers während des Ersten Weltkriegs Als der Erste Weltkrieg ausbrach, schrieb Baernreither mit einem blauen Bleistift groß und deutlich in sein Tagebuch: Der Krieg 19H —? 19) In ihm erreicht seine politische Aktivität ihren Höhepunkt. Sie galt nun in erster Linie der Bildung eines Wirtschaftsbündnisses zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland. 16) Baernreither, Fragmente, S. 240 f. 17) Siehe Baernreithers Brief vom 20. November 1915 an Fürstenberg: V. Anhang 1. Dokument 3. 18) Baernreither, Fragmente, S. 213. 19) Tagebuch Baernreithers, Bd. 13, S. 10.