Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“ 367 Seit dem Ausbruch des Weltkriegs begann sich Baernreither mit dem ganzen Fragenkomplex „Mitteleuropa“ zu beschäftigen. Aber erst nach und nach hat er sich soweit der Idee eines wirtschaftlich, besonders zoll­politisch geeinten Mitteleuropas genähert, daß er im Frühjahr 1915 in einem Memorandum zu dieser Frage persönlich Stellung nehmen konnte. Mit Recht weist Henry Cord Meyer auf die Tatsache hin, daß der öster­reichische Politiker das Wort „Mitteleuropa“ im wirtschaftspolitischen Sinne zum ersten Mal in der Eintragung vom 9. Oktober 1914 erwähnt und zwar im Zusammenhang mit einem „Mitteleuropa-Plan“ Richard Riedls (Sektionschef im österreichischen Handelsministerium), dem Projekt einer Zollunion zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich. In An­schluß daran berichtet Baernreither auch von ähnlichen Gedankengängen des späteren Handelsministers Karl Urban20). Doch wie man einem Brief des Sekretärs der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer, Max von Tayenthal, an Baernreither vom 4. Juli entnehmen kann, befaßte sich Baernreither auch unmittelbar vor Kriegsbeginn eingehend mit der Frage der handelspolitischen Beziehungen der Monarchie zum Auslande und hier vornehmlich zu Deutschland im Zusammenhang mit der Erneue­rung des Ausgleiches mit Ungarn. In diesem Brief heißt es unter anderem: „Bei der über Einladung der Herrn Präsident von Schoeller21) und Ex­zellenz Dr. Baernreither am 3. ds. in der Wohnung Seiner Exzellenz ver­anstalteten Konferenz wurde nach einem einleitenden ausführlichen Referat Seiner Exzellenz Dr. Baernreither die Erneuerung des Ausgleiches mit Ungarn und unsere handelspolitischen Beziehungen zum Auslande, nament­lich zu Deutschland, einer eingehenden Erörterung unterzogen. Allgemein wurde betont, wie wichtig es sei, daß über einige Grundfragen eine Eini­gung der maßgebenden und führenden Persönlichkeiten zustande käme und daß so dann im Sinne der derart festgestellten Direktive auf die wirtschaft­lichen Kreise der Deutschen einerseits, auf die politischen andererseits ein­gewirkt werde“ 22). 20) Henry Cord Meyer, Mitteleuropa in German Thought and Action 1815— 1945, Den Haag 1955, S. 139. Diese hervorragende Spezialstudie stützt sich in ihrer Darstellung besonders auf dem „Nachlaß Baernreither“. Leider wird hier öfters der „Nachlaß Baernreither“ ohne Angabe der Kartonnummer zitiert. Sektionschef Riedl (Sektionschef 1909—1918) sondierte Ende 1912 erfolglos in Bukarest die Möglichkeit einer österreichisch-rumänischen Zollunion: Vgl. Baernreither, Fragmente, S. 188 und 320. 21) Richard von Schoeller: Großindustrieller, Präsident der Handelskammer in Wien und Mitglied des österr. Herrenhauses. 22) Nachlaß Baernreither, Karton 16, Fol. Nr. 3—6. Über Max von Tayenthal als Repräsentant der Mitteleuropaidee ebenso wie Richard Riedl vgl. Theodor Heuß, Friedrich Naumann, der Mann, das Werk, die Zeit, 2. Aufl. 1949, S. 378. Über diese Konferenz bei Baernreither vom 3. Juni 1914, vgl. noch Baernreither, Fragmente, S. 330, und Schicksalsjahre Österreichs, Bd. I, S. 232. In diesem Brief heißt es weiter: „Nach dem Vorschlag Seiner Exzellenz Dr. Baernreither einigten sich die Teilnehmer der Konferenz darin, zunächst einige Fragen als besonders dringend herauszugreifen, über welche von verschiedenen Teilnehmern

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