Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baemreither und „Mitteleuropa 365 wenn hohe Generale von Krieg, Verteilung Serbiens und dem Sturz der ungarischen Verfassung reden“ u). Schon am 16. Dezember 1912 legte Baemreither dem Außenminister Leopold Graf Berchtold die Frage vor, „wie er sich zu der eigentümlichen Logik der Kriegspartei verhalte (u. a. „Reichspost“, Krobatin, Conrad usw.): Krieg, aus dem eine Umwandlung Österreich-Ungarns in einen zentralisierten Föderalismus hervorgehen soll, Besiegung der inneren Schwierigkeiten durch die Rückwirkung eines siegreichen Feldzuges, und wie alle diese Redensarten lauten.“ Baemreither bedauerte es sehr, daß Berchtold im Dezember 1912 den Besuch des serbischen Ministerpräsidenten Pasié ablehnte 11 12). Auch Czernin vertrat nach Baemreither ähnliche Anschauungen wie die „Kriegspartei“ : „Man geht eben immer von der Annahme aus, daß unser Verhältnis zu Serbien ein feindseliges bleiben müsse. Meiner War­nung vor einem Krieg begegnete Czernin mit Argumenten, die offenbar aus der Atmosphäre Franz Ferdinands stammen. Er meinte, die Soldaten werden jedenfalls marschieren; Deutschland ist mit uns; wenn wir am Schlachtfeld siegen, wird die Stimmung für uns sein. Lieber jetzt, da die Konstellation günstig, als später gezwungen in einem viel ungünstigeren Moment. Gab mir zu, daß das Va-banque-Spielen heißt, erwiderte aber, das sei bei jedem Krieg der Fall“ 13). Conrad von Hötzendorf war für Baemreither der Mann, der von den Zusammenhängen der europäischen Politik keine Ahnung hatte 14). Das war alles während des ersten Balkankriegs vom Oktober 1912 bis Mai 1913, der die Beziehungen zwischen Wien und Belgrad sehr ver­schärfte. Im Gegensatz zur „Kriegspartei“ lag Baemreither aber auch gar nichts an einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Serbien, weil ein Krieg auf dem Balkan zwischen Österreich-Ungarn und Serbien die Realisierung einer seiner Lieblingsideen, der Zollunion zwischen Österreich-Ungarn und allen Balkanstaaten unmöglich machen mußte, auch wenn er bereits im Juli 1913 mit Bedauern zugeben mußte, daß „die politischen Voraussetzungen jetzt nicht danach seien, eine Zollunion mit Balkanstaaten, insbesondere mit Serbien, zustande zu bringen“ 15). Immerhin faßte er als Nahziel in Rich­11) A. a. O., S. 201. 12) A. a. O., S. 181 ff. is) A. a. O., S. 176. Czernin war ein Günstling des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand: A. a. O., S. 221 f. i«) A. a. O., S. 189. is) A. a. O., S. 240. Wie Redlich amüsiert in seinem Tagebuch vermerkt, ließ Baemreither seine Idee von der Annexion des Sandschaks durch Serbien unter der Bedingung des ausdrücklichen Eintretens in die Zollunion mit Österreich- Ungarn durch Hugo Ganz, den Wiener Korrespondenten der „Frankfurter Zeitung“ vom 15. und 16. Oktober 1912 propagieren. Schicksalsjahre Österreichs, Bd. I, S. 162.

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