Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

364 Masaki Miyake gestaltet werden. Auf normalem Wege gehe das nicht, die Annexion Serbiens wird die unhaltbare Form des Dualismus sprengen ... Der Krieg werde auch die Armee regenerieren. Die Zustände in der Armee seien unhaltbar ... Also nach allen Richtungen die Theorie des Stahlbades. Alles das wird von Krobatin mit einer solchen Sicherheit vorgetragen, daß man sieht, wie oft er das schon gesagt hat“ 9 *). Baernreither setzt seinen Bericht fort: „Das Echo des Kriegsministers ist natürlich sein Präsidialchef Oberst Boog. Er redet ganz gleich. Als ich ihn fragte, ob man in dieser ganzen Richtung nicht berücksichtigen müsse, daß der Kaiser einen Eid auf die ungarische Verfassung geleistet habe, antwortete er einfach: das ist eine Sentimentalität. Nach dem Essen stellte ich auch Zaleski, den Finanz­minister, frug ihn, ob er vor dem Urteil der Geschichte werde bestehen können, und ob er die finanzielle Lage des Staates und die finanziellen Folgen eines Krieges werde vertreten können? Worauf er: darauf könne man sich verlassen. Auch der Eisenbahnminister Forster war kriegerisch, schreckte aber dann doch vor den Konsequenzen zurück . .. Unsere Regie­rungsmänner haben von den Vorgängen in der südslawischen Volksseele keine Ahnung, und diese Sachen will man dadurch sanieren, daß man den serbischen Staat vernichtet und ein an volle Selbständigkeit gewöhntes Volk in eine österreichische Reichsdelegation hineinzwängt! Heute (31. Jän­ner 1913) habe ich dieses mit Krobatin geführte Gespräch Max Fürstenberg mitgeteilt, der von Jagow gebeten wurde, Berchtold zu sondieren: man höre in Berlin und habe es insbesondere durch einen vor wenigen Tagen nach Wien gesendeten höheren Offizier bestätigt erhalten, daß die Militärpartei in Wien den Krieg will und alles vorbereite, damit, sobald die bessere Jahreszeit eintritt, losgeschlagen werden könne. Man ist in Berlin besorgt, da man dort trotz Bundestreue doch wegen eines serbischen Planes Öster­reichs nicht einen Weltkrieg anfangen will. Fürstenberg hat den Auftrag, Berchtold zu fragen, wie er sich zu der Sache stelle. In meiner Erzählung fand er eine Bestätigung der Berliner Befürchtungen“ 1#). Am 5. Februar 1913 schrieb Baernreither in sein Tagebuch: „Gestern erzählte mir Eduard Liechtenstein, er sei in einer Gesellschaft mit Conrad von Hötzendorf gewesen, dieser habe ganz im selben Sinne wie Krobatin gesprochen. Ich war heute bei Berchtold, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß es immer mehr auffällt, daß sein Preßbüreau ganz entgegen seiner erklärten Friedensliebe Kriegsbeunruhigung verbreitet ... Berchtold beantwortet alles das in seiner nonchalanten Manier mit nichtssagenden Redensarten. Außerdem hielt ich ihm vor, daß es nicht gleichgültig sei, 9) Baernreither, Fragmente, S. 195 f. Als Kaiser Franz Josef die unverant­wortlichen Äußerungen des Kriegsministers zu Ohren kamen, erteilte er Krobatin einen Verweis. A. a. O., S. 204. i«) A. a. 0., S. 196 f.

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