Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

FUSSEK, Alexander: Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh und die parlamentarische Frage

356 Alexander Fussek tierte aber Graf Stürgkh gerade bei seiner Argumentation nicht. Und es ist begreiflich, daß bei militärischen Mißerfolgen die Einberufung des Parlamentes gar nicht zur Debatte stand. Die besten Gelegenheiten — Herbst 1914, Frühjahr 1915 — waren eben versäumt worden und Dr. Viktor Adler mag mit seiner Meinung bestimmt nicht allein dagestanden sein, wenn er sagte, daß nach Sarajewo und dem Kriegsausbruch die Einberufung viel zweckmäßiger gewesen wäre als nach längerer Kriegs - dauer sich noch mit diesem Gedanken zu tragen; denn da sei „die Oppor­tunität einer Parlamentseinberufung wohl ernstlich zu bezweifeln“ 50). Am 26. Juli 1916 kam es noch einmal zu einer Aktion, um die Wieder­belebung des Reiehsrates zu ermöglichen. Unter dem Vorsitz von Graf Sylva-Tarouca wurde eine Konferenz von Parlamentariern zu dem Zwecke einberufen, den Reichsirat wieder zum Leben zu erwecken. Leider waren die Divergenzen in den Auffassungen zu stark und der Meinungsaustausch hatte keine eindeutige Linie ergeben; die Mehrzahl der niehtdeutschen und konservativen Abgeordneten lehnten die Wiedereinberufung des Parlamentes wegen „der überspannten deutschnationalen Forderungen“ ab50). Konnten sich also angesehene Parlamentarier nicht einigen, dann war die Annahme doch berechtigt, daß auch im versammelten Hause keine einheitliche Meinung auftreten werde — was die Haltung des Grafen Stürgkh nur unterstreichen würde. Zu dieser Zeit aber war es nach den vielen versäumten Möglichkeiten schon zu spät. Und der Gedanke Ernst von Koerbers, daß Graf Stürgkh auch in der Kriegszeit der Öffentlich­keit die Arbeitsunfähigkeit des Parlamentes hätte vordemonstrieren müssen — vertagt hätte es ja wieder werden können — hat viel für sich 51 52). Ein weiterer Bericht aus dem Jahre 1916 beweist, daß Graf Stürgkh seine Meinung bis kurz vor seinem gewaltsamen Tode nicht geändert hatte. Das im Parlament damals eingerichtete Kriegslazarett hätte bei Platzgebrauch durch die Abgeordneten sofort geräumt werden können. Doch der Ministerpräsident lehnte ab, da daran vorläufig nicht zu denken sei und ließ den Einwand, daß damit der Weg zur Außenwelt abgeschnit­ten sei, nicht gelten: „...die jetzige Einberufung des Parlamentes wäre das weitaus größere Übel. Wir würden der gegen Österreich arbeitenden feindlichen Propaganda Nahrung zuführen und von innen heraus den Krieg verlieren“ 62). Obwohl diese Worte des Ministerpräsidenten im Augenblick viel für sich zu haben scheinen und trotz der Tatsachen, daß er von mehreren so) Spitzmüller, ... und hat Ursaoh es zu lieben, S. 168. 51) ebenda, S. 169. 52) Polzer-Hoditz, Kaiser Karl, S. 159 f.

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