Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

BLAAS, Richard: Die Anfänge des österreichischen Brasilienhandels

216 Richard Blaas Handel mit Brasilien wäre nicht so bald freigegeben worden, wenn nicht ein Ereignis eingetreten wäre, das die Situation von Grund auf änderte. Die im Juli 1816 begonnenen Gespräche über eine engere Verbindung mit Portugal-Brasilien durch eine dynastische Familienverbindung führte bald zu einer Absprache über eine Heirat zwischen der Kaisertochter Erz­herzogin Leopoldine und dem Kronprinzen von Portugal-Brasilien, Dom Pedro. Für den Abschluß des Heiratskontraktes war die Ankunft einer portugiesischen Sonderbotschaft angekündigt, an deren Spitze Marquis Marialva stand. Diese Vorgänge gaben den bisher mehr akademisch ge­führten Handelsgesprächen eine entscheidende Wendung, denn von einem nicht nur befreundeten sondern verschwägerten Königshaus durfte man mit Recht auch in Handelsfragen Entgegenkommen erwarten, außerdem war durch die Heirat einer Kaisertochter nach Brasilien die Errichtung einer diplomatischen Mission und die Absendung einer kaiserlichen Sonder­botschaft nach Rio de Janeiro unvermeidlich geworden. Durch die Errich­tung einer kaiserlich diplomatischen Mission in Brasilien war die leidige Generalkonsulatsfrage zwar nicht hinfällig, aber doch zweitrangig gewor­den. Dieser neu geschaffenen Lage trug der „über die vorläufigen Einlei­tungen, welche die Absendung einer Botschaft nach Rio de Janeiro noth- wendig macht,“ am 30. Oktober 1816 erstattete Vortrag des Staatskanzlers Metternich Rechnung. „Da nämlich die allerhöchste Absicht dahin geht, daß diese Veranlassung benützt werde, um nebst diplomatischen Zwecken den Versuch zur Erweiterung und Begründung angemessener kommerzieller Verbindungen zu machen“ 20), sollte sofort eine Liste aller jener Kolonial­waren erstellt werden, die man aus Brasilien zu beziehen gedachte, als auch eine Liste jener Waren, die man dorthin abzusetzen hoffte. Metternich faßte den Abschluß eines Handelsvertrages ins Auge, war aber mit Recht der Ansicht, man müsse zuerst durch einen Handelsversuch die Marktlage an Ort und Stelle testen und alle jene Daten erheben, die für die Handels­vertragsverhandlungen von Belang sein konnten. Er befürwortete daher die Absendung eines fähigen Wirtschafts- und Handelsfachmannes im Ge­folge der diplomatischen Sondermission, „was ohnehin vom Priester Han­delsstand seit längerer Zeit gewünscht wird“ ; auf alle Fälle aber müsse die Absendung einer Sonderbotschaft sei es von der Regierung oder von pri­vater Seite benützt werden „zur Anknüpfung nützlicher Handelsverbin­dungen“. Der Versuch, dem österreichischen Handel einen neuen, großen, über­seeischen Markt zu erschließen und ihm damit Zugang zum Welthandel zu eröffnen, war eines der erklärten Ziele, das durch die neue Familien­verbindung erreicht werden sollte. Der Startschuß für den ersten Handels­versuch war gegeben, jetzt kam es darauf an, den Privathandel und die beruhigende Aufschlüsse über die Handelsverhältnisse in Brasilien erhalten, als jetzt schon von diesem Lande bekannt sind“. 20) St.K. Vorträge, Karton 204. Vgl. auch HKA, Kom.-Präs. rote Nr. 1243, ZI. 59 und 74 ddo. 3. November 1816.

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