Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

RAUCHENSTEINER, Manfried: Das sechste österreichische Armeekorps im Krieg 1809. Nach den Aufzeichnungen des FZM Johann Freiherr von Hiller (1748–1819)

Das sechste österr. Armeekorps im Krieg 1809 177 ich bei Ankunft auf der Tabor Brücke schon alles untereinander dergestalt aus Wien in vollem Rückzug fand, daß es mir kaum möglich gewesen, mich durch den Schwall von Menschen, Pferden und Fuhrwerk durchzu­arbeiten. Auf alle meine Fragen gab man mir zur Antwort, daß der E. H. Maximilian königl. H. diesen Rückzug angeordnet habe, ohne daß jemand eine Verhaltung hätte, wohin und wie weit sich selber zurückzu­ziehen habe. In diesem Augenblick langte auch eines von den 5 Grenadier Bataillonen an, welche ich am Tag vorher um Mittag dabin geschickt hatte und nur der Bataillons Kommandant gab mir die Antwort, daß sie den Befehl vom E. H. zum Rückzug erhalten hätten. Gleich hierauf erhielt ich einen kleinen Zettel von FML Kienmayer mit Bleistift geschrieben, „daß Seine königl. Hoheit der E. H. Maximilian beschlossen hätten, Wien zu verlassen“, ohne eine oder wegen welcher Ursache selbes geschehen bei­zusetzen. Die Unordnung war groß, denn kein Mensch wußte wohin oder an wen er angewiesen. Ich ließ meine Truppen unter Gewehr treten und würde gerne einem von denen mit der Landwehr aus Wien gekommenen Generalen gesagt haben, was selber zu tun habe, wenn nur einer zu mir gekommen wäre; allein auch diese Herren gingen ihre Wege. — Ich schickte mehrere Offiziere an den E. H. Maximilian um nur von ihm zu wissen, aus was Ursaeh dieser Rückzug geschehen und was selber für Maßregeln zu er­greifen beschlossen oder zu tun gedenke; doch ich bekam keine Antwort. Mir blieb daher bei solchen Umständen nichts anderes übrig, als doch wenigstens solche Veranstaltungen zu treffen, damit auf alle Fälle die beiden Tabor Brücken könnten abgebrannt werden. Kaum war ich mit dieser Zubereitung fertig und daß denn alles über die Brücke passiert war, so kam der E. H. Maximilian endlich ganz entkräftet und fast abi- miert, ritt mit mir bis über das Wirtshaus und sagte mir endlich: „Ich übergebe Ihnen hiemit die ganze Boutique nebst dem Kommando“. Meine Antwort war dann ganz natürlich, daß, was das Kommando betrifft, so hätte ich meine Truppen, da ich jedoch nicht wisse, aus was die Garnison bestanden und mit was ich allenfalls noch disponieren könnte, so müßte erst S. königl. H. mir die Truppen übergeben, damit ich auch solche nötigenfalls zu verwenden im Stande. Derselbe offenbarte mir keine Ursache, warum er Wien verlasisen, sondern forderte nur einen Bleistift und zeichnete mir die Truppen auf, welche er wußte in Wien gehabt zu haben und welche mit ihren Generalen, die sich nicht bekümmert hatten, selbe aufzustellen oder um Verhaltung anzufragen, sich schon verloren hatten. — Nach einer kurzen Aufzeichnung ließ sich selber mit anderen ins Gespräch ein und nach einer kleinen halben Stunde setzte selber seinen Weg weiter fort und überließ mir auf diese Art und in einer solchen Lage die weitere Sorge. Die Brücke wurde angezunden und ich hatte bis in die Nacht zu tun, die durch den Rückzug aus Wien so in Unordnung geratenen Truppen der Mitteilungen, Band 17/18 12

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