Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 16. (1963)
MARX, Julius: Vormärzliches Schedenwesen
Vormärzliches Schedenwesen 463 (Lausanne) liegt sogar ein Exemplar der gewünschten Zeitung bei. Alle diese Gesuche wurden bewilligt. Von ungarischen Zeitungen wurde der Pesti Hírlap häufig verlangt, meist von Beamten der ungarischen oder siebenbürgischen Hofkanzleien, denen man sie ausnahmslos zugestand84). Die Erledigungen erfolgten hier sehr rasch. Auf den meisten Gesuchen ist hinten der Amtsvermerk zu finden, „die Post wurde im kurzen Wege verständigt“, gezeichnet vom Zensurreferenten Maltz. Die Schedenerledigung wurde offenbar durch einen Amtsdiener* 3S *) der Postverwaltung überbracht. Ebenso ist anzunehmen, daß der Referent in diesen Fällen freiere Hand hatte. Einem ungarischen Juristen, der an der Wiener Technik Vorlesungen hörte, wurde die Bitte um Bezugsbewilligung für Pesti Hírlap, Hetilap, Szemle und Életképek abgeschlagen; er galt also als Student, dem nach den Vorschriften politische Zeitungen verwehrt waren. Hier sei auch noch der Fall des Preßburger Professors Gottfried Schröer, eines bekannten protestantischen Schulmannes, erwähnt; er wollte die „Deutsche Zeitung“ von Gervinus. Da er das Ansuchen ungestempelt eingebracht hatte, legte es Maltz einfach ad acta. Eine Bleistiftnotiz besagt außerdem, daß von ihm ein Interzept an Schulz, Buchhändler in Breslau, vorliege. Von Verzeichnissen über Werke auf erga schedam, die die Landesstellen selbst bewilligt hatten, ist bloß eines erhalten. Der Krakauer Hofkommissär Graf Deym legte eines über sieben Schedengesuche, die er selbst erledigt hatte, vor. Davon betrafen drei die Acta processu polaków86), um die ein emeritierter Professor, ein Finanzbeamter und der Tribunalpräses angesucht hatten; letzterer erbat noch „Les sois contemporaines“. Ein Leutnant bekam Rottecks Weltgeschichte, ein Oberleutnant „Das belletristische Ausland“, den „Illustrirten Kalender für 1848“ sowie Weichards Konversationslexikon, ein Gutsbesitzer das komplette Konversationslexikon von Wigand zugestanden. Die dalmatinische Landesstelle fügte einer Meldung die Bemerkung bei, daß sie den Brüdern Battara II mondo illustrato bewilligt habe. Von sonstigen Ansuchen, die übrigens sämtliche aufrecht er34) Die 16 Bewilligungen entfallen auf 5 ungar. Hofagenten, 1 Gerichtstafelbeisitzer, 1 Landes- und Wechselgerichtsadvokaten, je 1 siebenbürg. Hofkanzlisten und Hofsekretär, den Wiener Casinoverein, 4 Adelige (Major Graf Zichy, Generalmajor Graf Pálffy, die Grafen Ludwig Széchényi und Serényi), sowie an zwei Ärzte, die beide noch den Hetilap erbaten; der eine dieser, Dr. Basil Szabó, durfte auf seine beiden Schedengesuche überdies weitere 15 ungarische Blätter beziehen. 35) Solche Wege scheinen auch anderweitig begangen worden zu sein, denn wir finden einen Akt in diesem Faszikel, in dem der Polizeichef eine Erhöhung des Taggeldes von 2 y2 fl. K.-M. für den Amtsdiener Luger verlangt, der die Depeschenbotengänge zwischen Feldkirch und Zürich im Aufträge der Staatskanzlei machte. 3«) Es handelt sich um den Berliner Polenprozeß. — Vgl. Veit V a 1 e n- t i n, Geschichte der deutschen Revolution 1848—1849, 2 Bde., Berlin 1930/31; I., S. 90 f.