Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)
MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen
610 Rezensionen wesentlichen wirtschafts- und sozialpolitischen Probleme durch drei, ihrer politischen und weltanschaulichen Haltung, aber auch ihrer sozialen Fundierung nach völlig verschiedene Stadtregierungen. Sowohl die Liberalen als auch die Christlichsozialen und Sozialdemokraten konnten sich bei ihrer Herrschaft im Wiener Rathaus jeweils auf eine massive Mehrheit stützen und so praktisch die Kommunalpolitik nach ihren Prinzipien und Anschauungen führen. Diese Mehrheiten beruhten auf dem zu ihrer Zeit geltenden Wahlrecht, mit dessen Entwicklung sich diese Untersuchung auch eingehend beschäftigt. Nach einem kurzen Überblick über die Zeit des Zwischenzustandes von der Revolution bis zur konstitutionellen Neuordung von 1861 gliedert Czeike seine Arbeit in drei Hauptabschnitte, in denen auch die markanten führenden Persönlichkeiten und Bürgermeister der verschiedenen Parteirichtungen (Felder—Lueger—Seitz) besonders hervortreten. Die liberale Ära Wiens (1861—1895), sozial vom bürgerlichen Großkapital getragen, das sich eben gegen Adel und Klerus im Staate durchgesetzt hatte, wird politisch bestimmt durch die noch unglaublich geringen Zahlen der Wahlberechtigten, von denen überdies ein großer Teil von seinem Wahlrecht gar nicht Gebrauch machte. Die Liberalen in ihren verschiedenen Richtungen konnten sich in Wien auch nach dem Verlust der Herrschaft im Staat geraume Zeit am Ruder halten. Der Verf. hebt für ihre Kommunalpolitik als besonderes Merkmal den Mangel an sozialer Bereitschaft hervor, der sich freilich, wie richtig betont wird, aus vielen Ursachen erklären läßt, vor allem aus dem geistig einfach nicht zu bewältigenden Fortschreiten der industriellen Revolution. Auch eine ausgeglichene Finanzpolitik war in dieser Zeit der Stadterweiterung nicht leicht möglich, allerdings fehlte den Liberalen hier jedes brauchbare Konzept. Dennoch hat auch diese Epoche beachtenswerte historische kommunale Leistungen aufzuweisen (Wasserversorgung, Zentralfriedhof u. a.), die bei dem raschen Entwicklungstempo der Großtstadt bald in Vergessenheit gerieten, von Czeike aber hervorgehoben wurden. Die Übernahme der Stadtverwaltung durch die Christlichsozialen vollzog sich nicht ohne Reibungen, da es viele Widerstände und Vorurteile, hauptsächlich seitens der Kirche und des Hofes, zu überwinden galt. Lueger konnte sich als Führer einer Massenbewegung bereits auf breitere Schichten (Kleinbürgertum, Gewerbe) stützen und es gelang ihm, seine große Anfangsaufgabe, die städtebauliche und Verkehrs technische Bewältigung der großen Eingemeindungen von 1890/91 glänzend zu lösen. Seine Kommunalisierungspolitik (Beleuchtungs- und Verkehrswesen) bedeutete einen völligen Umsturz gegenüber der Vergangenheit. Auch auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge war die christlichsoziale Politik in vieler Beziehung grundlegend und bahnbrechend. Eine straffere Verwaltung und eine zielstrebige Finanzpolitik ermöglichten imposante Leistungen auf vielen Gebieten. Für die Zeit der sozialdemokratischen Verwaltung (1919—1934), die mit dem Sieg des allgemeinen Wahlrechts in Wien begann, konnte sich der Verf. auf eigene umfangreichere und detaillierte Studien stützen, ±m Gegensatz zu den Liberalen und Christlichsozialen kamen die Sozialdemo-