Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)

MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen

Rezensionen 611 kraten mit einem fertigen, in der Zeit der Opposition erarbeiteten Ge­meindeprogramm an die Leitung der Stadt. Hier ergaben sich aus der Umstellung auf die Landesautonomie neuartige Probleme, die durch den Wiederaufbau nach dem ersten Weltkrieg erheblich verschärft wurden. Das Verhältnis zum Bund war im ganzen, besonders aber auf finanzpolitischem Gebiet unerfreulich. Trotzdem konnte diese Ära große, auch international anerkannte Leistungen insbesondere auf dem Gebiet des Wohnbaus und der sozialen Wohlfahrt aufweisen, gestützt auf eine konsequente Steuer­politik. Die Untersuchung hebt immer wieder stark die enge Verbindung von Wirtschaft und Politik hervor, deren Zusammenhänge sich gerade im kommunalen Bereich schön herausarbeiten lassen. Die Arbeit ist infolge ihrer starken Betonung der wirtschaftlichen Ursachen der politischen Vor­gänge auch für andere Bereiche des geschichtlichen Lebens vorbildlich, zumal man in der österreichischen Geschichtswissenschaft immer wieder dazu neigt, die wirtschaftlichen Seiten der Probleme zu vernachlässigen. Dem Verf. ist im übrigen die bestmögliche Bewältigung des Gegenstandes in dem ihm gesetzten Rahmen gelungen. Jeder, der sich über die Geschichte der Bundeshauptstadt in den letzten hundert Jahren informieren will, wird mit Gewinn zu diesem Büchlein greifen. Rudolf Neck (Wien). J e n k s William A., Vienna and the Young Hitler. Columbia University Press, New York 1960, VIII und 252 Seiten. Seit vor mehr als fünfzehn Jahren mit seinem Reich Adolf Hitler unter­gegangen ist, bemüht sich die historische Forschung um dieses einmalige Phänomen. Die Verherrlichung in der Zeit seines Glücks und die Ver­dammung seit seiner Niederringung konnte und kann nicht — im histori­schen Belang — seinem Wesen gerecht werden. Seine zentrale Rolle in der vergangenen Weltkatastrophe sollte uns nicht dazu verleiten, ihn in Raum und Zeit sozusagen isoliert zu sehen. Sein Wesenskem war im wörtlichsten Sinn beschränkt und bedingt von Faktoren, die bestimmend waren für seine ganze Epoche und darüber hinaus für die unmittelbare Vergangen­heit und Zukunft. Nicht die Dämonie seiner Persönlichkeit war ausschlag­gebend für sein Wirken in der Politik, sondern die treibenden geistigen Strömungen seiner Zeit und nicht zuletzt die Welt, der er entstammte. Es wird für uns in Österreich immer ein Anlaß zur Scham sein, daß dieser Mann aus Braunau kommt und seine bestimmenden Impulse in unserer Heimat empfangen hat. Er selbst schreibt in „Mein Kampf“, daß die entscheidende Lebensschule für ihn die Jahre 1907 bis 1912 in Wien gewesen sind; d. h., die dunkle Zeit seiner jungen Jahre als soziales Strand­gut im Elendsschlamm der Großstadt. Das vorliegende Buch des durch sein Wei'k über die österreichische Wahlrechtsreform von 1907 bereits be­kannten amerikanischen Gelehrten versucht nun, diesen dunklen, forma- tiven Jahren Hitlers nachzugehen. Es tut dies aufgrund eines lebhaften und breiten Gemäldes des Wiener Lebens am Beginn unseres Jahrhunderts. Zunächst schildert Jenks die politischen Verhältnisse in der Hauptstadt 39*

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