Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)
MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen
Rezensionen 601 besonders nach den Ereignissen von 1848/49. Den neuerlichen, nun wachsenden Widerstand hervorrufenden Zentralisierungsversuchen folgen der Ausgleich von 1867 und das zähe Ringen der beiden Reichshälften um wirtschaftliche Vorteile. Hier bietet Miskolczy eine besonders übersichtliche, auf genauer Kenntnis der Wirtschaftsgeschichte basierende Darstellung. In vorbildlicher Objektivität werden der wachsende Wohlstand Ungarns und die Vorteile, die Ungarn aus dem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet erwuchsen, gezeigt. Die Schwierigkeiten beider Teile mit den Nationalitäten waren ungefähr gleich groß, beide haben die Fehler der anderen aufmerksam, die eigenen kaum registriert. In Österreich wuchs die Abneigung gegen Ungarn, etwa bei Karl Renner oder bei dem in letzter Zeit vielgenannten Aurel Popovici. Dessen „Vereinigte Staaten von Großösterreich“ nennt der Vf. wohl mit Recht eine vollständige Abkehr vom Dualismus, von der Vergangenheit und — von der Realität (S. 185). Das Zentrum dieser Bestrebungen war der Kreis um den Thronfolger Franz Ferdinand, dessen Ungarnfeindlichkeit in Schriften und Briefen heftig zum Ausdruck kommt und nichts Gutes für die Gesamtmonarchie im Fall seiner Regierungsübernahme ahnen ließ. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Im ersten Welktrieg hat die Gesamtmonarchie eine letzte Bewährungsprobe bestanden. Man kann wohl darüber streiten, ob dies zur Wohlfahrt der Völker noch beigetragen hat. Die Gestalt des Ministerpräsidenten Tisza, die diese letzte Periode der jahrhundertelangen gemeinsamen Entwicklung beherrscht, ragt jedenfalls weit über die seiner Kollegen in der anderen Reichshälfte hinaus. Der Vf. schließt mit einer Verteidigung des Dualismus, unter dem der Wohlstand und die kulturelle Entwicklung der verschiedenen Völker entschieden gefördert wurden. Durch das gemeinsame Vorbild Wien ist die östliche Reichshälfte stark der westlichen angenähert worden. Aus dem ganzen Werk geht die nach den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, in der die Nationen des alten Österreich-Ungarn so wenig mit ihrer neuen Freiheit anzufangen wußten, wohl unwiderlegbare Anschauung hervor, daß die Gesamt monarchie für alle von Vorteil gewesen ist, eine notwendige Stufe ihrer Entwicklung dargestellt und sie zu einer höheren Kultur gebracht hat. Wenn ein ungarischer Rezensent in einer keineswegs freundlichen Besprechung rügt, daß Miskolczys Grundprinzip eigentlich „salus der Gesamtmonarchie suprema lex esto“ sei (Hanák Péter in Századok 95, 1961, S. 747), erhebt sich die Frage, ob eine objektive und dem Habsburgerstaat gerecht werdende Geschichtsschreibung möglich ist, die seine Existenzberechtigung a priori negiert. Hans Wagner (Wien). S i 1 a g i Denis, Ungarn und der geheime Mitarbeiterkreis Kaiser Leopolds II. Südosteuropäische Arbeiten 57, Verlag R. Oldenburg, München, 1961. 156 Seiten. Das Problem der großen Zeitenwende am Ausgang des 18. Jahrhunderts, das in der letzten Zeit in ständig wachsendem Ausmaß das Interesse der abendländischen Geschichtswissenschaft findet, enthält für die österreichische Geschichte u. a. die besondere Frage, wie es möglich war, daß nach