Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)

MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen

600 Rezensionen steht zum größten Teil in den vergeblichen Bemühungen, Ungarn in einen zentralistischen Einheitsstaat einzubeziehen. Solche Versuche mußten von einer verantwortungsbewußten Regierung angestellt werden, den Ungarn hingegen ist die möglichste Aufrechterhaltung ihrer Eigenstaatlichkeit nicht zu verübeln. So ist die Atmosphäre ohne Verschulden eines der beiden Teile immer mehr vergiftet worden. Die Einführung der deutschen Amts­sprache durch Joseph II. hatte zunächst nicht das geringste mit Germani- sierungstendenzen zu tun, mußte aber den Ungarn nach dem Erstarken der nationalen Gegenkräfte so erscheinen. Dazu kam noch, daß von der Zentrale her jede Reform auf den Widerstand der Vertreter der grund­besitzenden Klasse, dem „Populus Werböczianus“, stieß, der die Ungarn allein repräsentierte. So ist die Verhinderung der von Wien geplanten Reformen für die ungarische Nation selbst verhängnisvoll geworden, die die Fesseln eines fast mittelalterlicher Feudalsystems bis in die neueste Zeit nicht abstreifen konnte. Lehrreich wäre ein Vergleich mit dieser Ent­wicklung vor allem für die Verfechter der protestantisch-ständischen Tra­dition in den Erblanden. Nur der Sieg der Gegenreformation und die mit ihr verbundene Brechung der Ständemacht hat in Österreich und Böhmen die Reformen ermöglicht, die in Ungarn durch die Opposition der Stände vereitelt wurden. Schwerwiegender als das Versagen der Wiener Regierung gegenüber der ungarischen Adelswelt — hier haben schließlich mehrere blutige Auf­stände die Widerstandskraft der Magyaren gezeigt •— war ihre Wirt­schaftspolitik. Hier muß von großer Kurzsichtigkeit und von am falschen Ort angewandten Egoismus gesprochen werden. Vom Vf. deutlich hervor­gehoben, wird hier die ganz und gar verfehlte merkantilistische Wirt­schaftspolitik des 18. und 19. Jahrhunderts dargestellt. Die bis zum Jahr 1848 beibehaltene Zollgrenze, die systematische Verhinderung der Industrie hat teilweise den Interessen des grundbesitzenden Adels gedient. Im Jahr 1754 wurde ein merkantilistischer Zolltarif eingeführt, der dem öster­reichischen Markt die ungarischen Rohstoffe sicherte. Ein Export ungari­scher Waren in andere Länder wurde fast unmöglich gemacht. Darüber hinaus wurde 1762 eine Zwischenzollinie eingeführt, um die österreichische Landwirtschaft vor zu billigen ungarischen Einfuhren zu schützen. Im Zolltarif von 1775 wurde die ohnehin schwache ungarische Industrie ein­deutig benachteiligt. Der schärfste Verurteiler dieser vom Standpunkt des Gesamtstaates unsinnigen Politik der Bevorzugung eines Landesteils, die bei den Ungarn stets als „Kolonialismus“ angeprangert wurde, war der nach dem Urteil des Vf. größte Wirtschaftsfachmann des damaligen Öster­reich, Graf Karl von Zinzendorf, der überzeugte Physiokrat und Frei­händler (S. 28). Den drohenden Abfall Ungarns nach den Reformen Josefs II. konnte das staatsmännischie Genie Leopolds II. verhindern. Er mußte aber Ungarn als regnum liberum et independens anerkennen und hat so dem späteren Dualismus die Wege geebnet. Die von Franz II. und der Nachwelt über­schätzte Martinovics-Verschwörung hatte verhängnisvolle Nachwirkungen durch die nun auch in Wien einsetzende Angst vor allen Reformen, die tief ins 19. Jahrhundert nachwirkte. Die nationalen Gegensätze vertiefen sich,

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