Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)

WINTER, Otto Friedrich: Österreichische Pläne zur Neuformierung des Reichstages 1801–1806

266 Otto F. Winter 1803 bis 1806; „Die Vorgänge im einzelnen brauchen nicht geschildert zu werden. Nur auf das Ergebnis kommt es hier an“ 25 26). Daß im Gegensatz zu dieser summarischen Behandlung die Betrachtung der österreichischen Politik in Hinsicht auf die Zusammensetzung des Reichstages für die histo­risch richtige Beurteilung dieser Epoche nicht ohne Belang ist, werden die nachfolgenden Ausführungen zu erweisen suchen. Als Ausgangspunkt ist es nötig, die Kräfteverteilung und insbesondere die kaiserliche und österreichische Position auf dem Reichstag vor dem Reichsdeputationshauptschluß kurz zu umreißen2e). Dem Kurfürsten­kolleg gehörten nach der Wiedervereinigung der bayrischen und pfälzi­schen Kur mit dem Absterben der bayrischen Linie des Wittelsbacher Hauses (1778) acht Mitglieder an — die 3 geistlichen Kurfürsten Mainz, Trier und Köln, die 5 weltlichen Böhmen, Pfalzbayern, Sachsen, Branden­burg und Braunschweig-Hannover, also 5 katholische und 3 protestantische. Der Kaiser war darin durch den kurböhmischen Komitialgesandten ver­treten27), außerdem war infolge der Besetzung mit Erzherzog Maximilian Franz (t 1801) Kurköln eng an das Kaiserhaus gebunden. Die aus der Rivalität des habsburg-lothringischen und wittelsbachi,sehen Hauses, wel­che sich durch die Versuche der Erwerbung Bayerns durch ersteres neuer­lich entzündet hatte, resultierende Schwächung der katholischen Fraktion wurde durch die Mittelstellung Sachsens, dessen Herrscher sich ja zum Katholizismus bekannte und die traditionelle Politik einer Anlehnung an Österreich gegenüber dem übermächtigen preußischen Nachbarn verfolgte, und die aus der gemeinsamen Gegnerschaft gegen Frankreich ermöglichte Annäherung zwischen Österreich und England, das infolge der Personal­union mit Braunschweig-Hannover über diese Kur verfügte, mehr als ausgeglichen. Dazu kam noch, daß Kursachsen in enger Verbindung zu Kurtrier stand, war doch der Trierer Kurfürst Klemens Wenzeslaus ein gesehichte, germanistische Abteilung, 52. Band, Weimar 1932, S. 65 ff., hier S. 91 f. 25) Feine H. E., Das Werden des deutschen Staates seit dem Ausgang des Heiligen Römischen Reiches 1800—1933, Stuttgart 1936, S. 32. 26) Für Einzelheiten, namentlich über die weiter zurückführende histori­sche Entwicklung der Zusammensetzung des Reichstages, auf die hier nicht eingegangen werden kann, sei auf die in Anm. 11 und 12 genannten Disser­tationen und auf die in Anm, 3 genannten Abhandlungen über das deutsche Staatsrecht verwiesen; dies gilt im Großen und Ganzen auch für die Reihung der Stimmen und die Alternation in den verschiedenen Strophen im Kur­fürstenkolleg bzw. im Reichsfürstenrat. 27) Von 1796 Dezember 7 —1801 März 1 Gesandter ad interim der kur- trierische Komitialgesandte Johann Franz Freiherr von Lineker und Lützen- wick, 1801 März 7 —1803 Oktober 25 Ferdinand Graf von Colloredo- Mansfeld, 1803 November 20 — 1806 August Friedlich Lothar Graf von Sta­dion. Die Daten über die Funktionsdauer der Gesandten sind dem Manuskript des 3. Bandes des „Repertoriums der diplomatischen Vertreter aller Länder“ entnommen, dessen Redigierung der Verfasser dieses Aufsatzes besorgte.

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