Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)

SPRUNCK, Alphonse: Prinz Eugen als Generalstatthalter der österreichischen Niederlande

140 Alphonse Sprunck Im Juni 1720 hatte Eugen erfahren, daß in den Niederlanden die Strei­tigkeiten wegen der Bulle Unigenitus gegen den Jansenismus wieder auf­lebten in einer Zeit, in der die französische Geistlichkeit wieder zur Ruhe kam28). Der Erzbischof von Mecheln war scharf gegen die Theologen vorgegangen, die diese nicht annehmen wollten; seit dessen Ernen­nung zum Kardinal hatten sich andere Prälaten Übergriffe erlaubt gegen kaiserliche Verfügungen, die religiösen Zwiespalt verhindern sollten. Eugen riet dem Monarchen am 26. Juni 1720, Prié die nötigen Anweisungen zur Durchführung dieser Ordonnanzen zu geben. Am 19. April 1719 übersandte er dem Kaiser einen Bericht über den Löwener Universitätsprofessor van Espen 29 30), über den in Rom das Gerücht verbreitet war, er würde Ketzereien lehren. Am 8. Oktober 1721 überreichte der Prinz dem Monarchen selbst einen Bericht über einen Zwischenfall zwischen Prié und dem Grafen Win­dischgrätz s»), dem österreichischen Gesandten im Haag. Als dieser als bevollmächtigter Vertreter des Kaisers von dort nach Cambrai reiste, um mit den Franzosen über Grenzfragen zu verhandeln, hatte Prié ihm in Brüssel gastfreundliche Aufnahme gewährt. Aber Windischgrätz wollte überall als dessen Vorgesetzter oder Nachfolger auf treten und trat in enge Beziehungen zu belgischen Adelsfamilien, die mit dem bevollmächtigten Minister, vielleicht mit der Wiener Regierung selbst, unzufrieden waren. Wegen einer Pest in Frankreich hatte Prié jeden Handel mit diesem Lande verboten, aber Windischgrätz wollte sich von Paris Tuchwaren kom­men lassen. Für einen zum Tode verurteilten Deserteur hatte er vom Be­sitzer eines Regimentes Verzeihung oder wenigstens Aufschub für die Hin­richtung gefordert. Auch andere Einmischungen in die innern Angelegen­heiten der Niederlande hatte er sich erlaubt. Prié hatte Eugen vorgeschlagen, er solle Windischgrätz befehlen, sich nach Mons zu begeben oder incognito in Brüssel zu verweilen. Ferner bat er den Prinzen um eine Erklärung, daß er als bevollmächtigter Minister in Brüssel Vertreter des Kaisers für die Verhandlungen von Cambrai wäre. Eugen erklärte dem Monarchen, er habe Prié immer hierfür vorge­schlagen, da er in wichtigen Angelegenheiten wohl Bescheid wisse, auch wenn er wenig Fleiß zeige, darüber Bericht zu erstatten. Als erster Stell­vertreter des Generalstatthalters in den österreichischen Niederlanden mußte Prié dort unbedingt bei allen Gelegenheiten den Vorrang haben; Windischgrätz konnte nur als Vertreter des Kaisers in Cambrai bei den 28) Arneth, 3. Band, S. 138 f., Pirenne, 3. Band, S. 115—119. 29) Van Espen war bekannt vor allem durch seine Abhandlungen über Kir­chenrecht. Einige seiner Schriften waren in Brüssel am 15. Juni 1708 öffentlich verbrannt worden. Biographie Nationale de Belgique, 6, 699—705. Artikel von Stappaerts. 30) Über Leopold Johann Viktorin von Windischgrätz, Konstant von Wurz­bach: Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich, Band 57, S. 51 f.

Next

/
Oldalképek
Tartalom