Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)
SPRUNCK, Alphonse: Prinz Eugen als Generalstatthalter der österreichischen Niederlande
Prinz Eugen als Generalstatthalter der österreichischen Niederlande 119 hatte er sofort dem Kaiser sein Gutachten abgegeben. Der flandrische Rat hatte sich gegen jede gewaltsame Maßnahme gegen die widerspenstigen Brabanter ausgesprochen und empfohlen, die Schwierigkeiten auf gütlichem Wege zu regeln; die Belgier waren sehr zur Rebellion geneigt und benutzten in solchen Fällen gerne ihre alten Privilegien als Vorwand zum Widerstand. Durch den langen Krieg, die Unordnung in der Verwaltung und die inneren Zwistigkeiten in dieser Zeit9) hatte sich das belgische Volk an die Freiheit von jeder staatlichen Ordnung gewöhnt, seinem neuen Herrscher hatte es noch keinen Treueid geschworen 10). Der Prinz schlug dem Kaiser vor, seine Herrschaft in diesen Provinzen mit einem Akt der Gnade und Güte zu beginnen, durch den Nachlaß der Steuerrückstände von 1715 und 1716, da der damalige bevollmächtigte Minister Graf Königsegg eine Nachlässigkeit begangen hatte. Die Zahlung dieser Summen wäre für die Belgier eine drückende Last gewesen und hätte den Aufwieglern weitere Gründe geliefertu). Prié hatte dem flandrischen Rat neue Ernennungen im Brüsseler Magistrat vorgeschlagen. Eugen riet, in solchen Fällen Männer zu wählen, die das volle Vertrauen ihrer Landsleute genossen. Schon vorher hatte er dem Kaiser geraten, gleich nach der Rückkehr von Prié aus dem Haag den Ständen der einzelnen niederländischen Provinzen den Eid auf ihre Verfassungen leisten zu lassen und deren Treueid entgegenzunehmen; da die Belgier damals eine günstige Abänderung des Barrierevertrags erwarteten, hätten sie alle Wünsche der Wiener Regierung erfüllt. Jedenfalls ») Ibidem, S. 65—76, sowie Gachard: Histoire de Belgique au commencement du XVIIIe Sieecle, S. 1—15, und Frans van Kalken: La Fin du Régime espagnol aux Pays-Bas, S. 229—260. n>) Am 16. November 1709 hatte sich eine Abordnung der Brabanter Stände nach dem Haag begeben, um von den Generalständen die Erlaubnis zu erbitten, den Erzherzog Karl als ihren Herzog anerkennen zu dürfen. Im Oktober 1711 hatten dieselben Stände eine Abordnung zur Krönung Karls VI. nach Frankfurt gesandt, um ihm ihre Anerkennung als Herzog ihres Landes anzubieten; sie hatten darauf ungenaue Versprechen erhalten. Über die Inauguration Karls VI. in den einzelnen niederländischen Provinzen, Gachard, ibidem, S. 438—443. u) „Le service de V. M. exige dans cette occasion de dissimuler tout ressen- timent, d’user de benignité et d’employer la douceur pour rammener les esprits egarés de leur devoir, non seulement par rapport au dangereux engagement, que le remede opposé entraineroit infailliblement avec un peuple accoutumé ä ces sortes de rencontre, de pretexter la violation de ses privileges dönt de genie il est naturellement jaloux, temoin les exemples du terns passé, mais aussi par rapport aux malheurs et confusion qui ont regnés parmi eux, et qui les rendent d’autant plus dignes de la benignité et compassion de V. M. qu’apres tant des differentes dominations iis ne sont liés jusqu’icy par aucun serment ni hommage formelle ainsy dans une espece de liberté ou plütőt de libertinage continué, cause tant de divisions des genies, et reglées par l’inclination contraire ou vües d’interest les quels V. M. dóit plütőt gagner et unir par un douce et benigne commencement de sa domination que ressentir par la force d’un ressentiment.“