Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen

480 Erika Weinzierl-Fischer ungescheut behaupten darf, daß es zur Ehre Gottes und zum Heile der Christenheit gewirkt hat und weiter wirken wird“ 110). Pergen hat Vogelsang und dessen Unternehmungen auch weiterhin tat­kräftig unterstützt. Im Sommer lud er den Baron samt Familie auf sein Schloß Aspang ein und stellte ihm seine Bibliothek zur Verfügung, wobei er allerdings Vogelsangs Rat über eine eventuelle Neuordnung seiner Bücher zu hören wünschte111). Seit 1885 gewährte Pergen Vogelsang und den Männern, die sich um die Ausarbeitung eines christlichen Sozialpro­grammes bemühten, in seiner Wohnung Gelegenheit zu regelmäßigen Zu­sammenkünften 112). Vogelsang hat sich daher auch in der entscheidenden Phase der christlichsozialen Bewegung, als Lueger die Parole „der Sozial­reform auf christlicher Basis“ auf sein Banner schrieb, wiederum an Per­gen mit der Bitte um Unterkunft für einen Arbeitskreis zur Konzipierung eines „praktischen Programms dieser Sozial-Reform“ gewandt. Die Art, in der er das tat, ist bezeichnend für das Selbstbewußtsein „des publizisti­schen Wortführers des katholischen Österreich“, aber auch für dessen klare Erkenntnis historisch bedeutsamer Wendepunkte113). In dem Augenblick, in dem der geniale Volkstribun Lueger die Ideen der katholischen Sozialreformer aufgriff, waren die Weichen gestellt: Die christlichsoziale Bewegung wurde eine politische Massenpartei mit allen Vor- und Nachteilen einer solchen. Die letzten Jahre zur Gewinnung der Arbeiterschaft, die 1874 vielleicht noch möglich gewesen wäre, waren aller­dings schon versäumt worden. Lueger und seinen Parteigenossen fiel der kleine Mittelstand zu, dem er selbst entstammte. Aloys Liechtenstein, der bei diesen Männern wenigstens jenen Elan fand, den er in den Reihen seiner konservativen Standesgenossen vermißte, schloß sich der jungen Partei an. Trotz des Prestigegewinnes, der sein Übertritt für die Christ­lichsozialen bedeutete, ist der Prinz ihnen aber immer als „rara avis“ etwas suspekt erschienen. Viele prominente katholische Adelige, aber auch das Kaiserhaus haben seinen Schritt nie verstanden und gebilligt114). Und Anton Graf Pergen, der Mann, den Liechtenstein schon 1874 auf die Chancen einer christlichen Arbeiterpartei hingewiesen hatte115), hat schließlich bei der dramatischen Anklage des Prager Kardinals Schönborn no) 1880 XII 23. Vogelsang an Pergen, Depot Pergen. in) 1886 VII 16. Vogelsang an Pergen, ebendort. H2) 1887 XI 30. Vogelsang an Pergen, ebendort. 113) Ebendort, siehe Anhang I. — Ein Großteil jener Männer, die Vogelsang damals zusammenzurufen wünschte (vgl. Anhang I), hat dann ab 1889 an den „Enten-Abenden“ Franz Martin Schindlers teilgenommen und das Programm der christlichsozialen Partei erarbeitet. Friedrich Funder, Aufbruch zur christ­lichen Sozialreform, Wien-München 1953, S. 60 f. in) Weinzierl-Fischer, Liechtenstein, a. a. O., S. 105 und 107. 115) Siehe oben S. 472.

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