Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen

Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich 481 gegen die Christlichsozialen im Frühjahr 1895 in Rom116) eine wichtige, bisher nicht bekannte Rolle gespielt. Initiiert und geistig geleitet wurde diese Aktion der konservativen Bischöfe von dem aus Bayern stammenden Dominikaner Albert Maria Weiß, einem führenden katholischen Sozialtheoretiker, der bis zum töd­lichen Unfall Vogelsangs 1890 dessen theologischer Berater gewesen war117). Pergen stand mit Weiß in engem Kontakt118) und hatte ihm seine tiefe Mißstimmung gegen die Lueger-Liechtenstein-Partei nicht verhehlt. Weiß teilte Pergen daher am 31. Jänner 1895 mit, daß er zu einem ent­scheidenden Schritt entschlossen sei: „Indeß, Gefahr oder nicht Gefahr, es muß nun doch sein, und es wird auch geschehen. Schon sind die Leute wie Hornissen auf mich erbittert. Dennoch muß noch mehr getan werden. Ich habe nichts zu suchen und nichts zu verlieren als meinen ehrlichen Namen, und da sie auch den bereits angreifen, fällt selbst die Rücksicht auf diesen weg. Das macht frei und muthig, keine Rücksicht haben. Nun helfe mir Gott. Wenn ich falle, so denken Sie, ich habe der Sache einen größeren Dienst erwiesen als wenn ich große literarische Thaten vollbracht hätte“ 119). Der streitbare Prediger hatte sich aber von seiner Romfahrt als Vertre­ter des Wiener Kardinals Gruscha und als Begleiter und Berater des Kardi­nals Schönborn und des Brünner Bischofs Bauer zu viel erwartet. Am 7. März 1895 ist er bereits so weit, daß er in seinem Bericht über seine bis­herige Tätigkeit in Rom 12°) den Laien Pergen um direktes Eingreifen beim Papst bittet m): „Nun aber könnten auch Sie ihren Theil beitragen. Ich habe dieser Tage gesehen, daß Kardinäle und Bischöfe die eingehendsten Darlegungen machen können, die man hier ganz gut hinnimmt, ohne daß sie doch durchschlagen, gerade als sei es die selbstverständliche Pflicht der Bi­schöfe, so zu reden, indeß ein kurzer Brief eines Laien, der ihre Anschau­ungen rechtfertigt, einen tiefen, ja erschütternden Eindruck macht. Darum 118) Über diese Aktion und ihren Vorläufer im Jahr 1894 vgl. Funder, a. a. O., S. 99 ff., ders., Vom Gestern ins Heute, Wien 1952, S. 132 ff., und Friedrich Engel-Janosi, Österreich und der Vatikan I, Graz-Wien-Köln 1958, S. 281 ff. 117) Weiß, a. a. 0., S. 357. 118) Ebendort. 119) 1895 I 31. Weiß an Pergen, Depot Pergen. 12«) ,„Ich habe bisher — natürlich unter uns gesagt — hier hauptsächlich in dem Sinne gearbeitet, daß bei dem bessern und besonneren Theile der Bewe­gung nicht so fast böser Wille als Mangel an richtiger oder doch gründlicher Kenntniss der Sociologie — und auch der Theologie — die Schuld an der Un­ordnung ist und daß eine gründliche Reformirung in diesem Stücke nöthig ist. Ich kann mir nicht denken, daß dieß Argument bei Leo XIII. seine Wirkung verfehlen sollte. Ich habe auch ganz konkrete Mittel und Wege zur Abhilfe vor­geschlagen. So kann Ihr Wunsch vielleicht doch noch erfüllt werden“. 1895 III 7. Weiß an Pergen, ebendort. 121) Ebendort. Mitteilungen, Band 14 31

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